Politik : Krankenkassen: "Wir müssen Abrechnungen leichter kontrollieren können"

Immer mehr Krankenkassen bilden Ermittlergruppen g

Gernot Kiefer (44) ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Innungskrankenkassen und Sprecher der Arbeitsgruppe "Abrechnungsmanipulation"

Immer mehr Krankenkassen bilden Ermittlergruppen gegen Abrechnungsbetrug. Ist bei den Versicherern angesichts leerer Kassen die Sensibilität gestiegen oder nimmt die Zahl der Betrügereien tatsächlich zu?

Beides. Die Krankenkassen gucken seit mehreren Jahren zunehmend genauer hin und entwickeln dabei auch professionelle Kontrollstrukturen. Andererseits ist es wohl kaum von der Hand zu weisen, dass das Phänomen des Abrechnungsbetrugs zugenommen hat - auch wenn sich dies empirisch nicht wasserdicht machen lässt.

Das Bundeskriminalamt verzeichnet bei den erfassten Fällen von 1999 auf 2000 eine Steigerungsrate von knapp 28,9 Prozent.

Man muss da sicher nochmal genauer differenzieren. Die Zahlen des Bundeskriminalamts sind aber ein Indikator. Sie zeigen - leider - einen sehr problematischen Trend auf.

Könnten die Kassen nicht sagen: Die Ausgaben sind gedeckelt, mit Betrügereien hauen sich die Ärzte gegenseitig übers Ohr?

Abrechnungsbetrüger schaden nicht nur ihren Kollegen. Es werden ja auch überhöhte Preise für Sachkosten abgerechnet, die außerhalb der Budgets liegen. Darunter fallen etwa Herzkatheder oder Röntgenkontrastmittel. Im Übrigen haben auch die Versicherten unter Betrügern zu leiden. Wenn sich bestimmte Arztgruppen zu viel aus dem Kuchen herausschneiden, bleibt anderen, die für die Grundversorgung wichtig sind, zu wenig übrig.

Woran liegt der offensichtliche Zuwachs an Betrügereien? Steigt die Selbstbedienungsmentalität oder steckt der Fehler im System?

Manchmal könnte man schon auf die Idee kommen, dass die Selbstbedienungsmentalität zunimmt. Fraglos muss aber auch das Abrechnungssystem einfacher und transparenter gemacht werden.

Die Gesundheitsministerin plant ja ein Transparenzgesetz. Was erwarten Sie sich davon?

Wir müssen die Möglichkeit bekommen, Abrechnungen unaufwendiger zu kontrollieren. Dabei geht es nicht um den gläsernen Patienten. Aber bei einem Arzt, der für seine in Rechnung gestellten Leistungen an sieben Tagen in der Woche jeweils mehr als 16 Stunden gearbeitet haben müsste, möchten wir schon ein wenig genauer hinsehen dürfen. Außerdem interessiert uns, welche Versorgungsfacetten abgedeckt werden. Da können wir dann fragen, wie sinnvoll das ist und ob hier nicht medizinischer und ökonomischer Unsinn passiert.

Das Problem ist der Datenschutz...

Ich denke, man kann auch unter vernünftiger Berücksichtigung des Datenschutzes Verbesserungen erzielen. Nochmals: Wir wollen keine gläsernen Patienten. Es wäre unangemessen, den Krankenkassen alle Informationen über die medizinische Befindlichkeit ihrer Versicherten zu geben. Aber Ärzte, die an der vertragsgemäßen Versorgung teilnehmen, müssen schon akzeptieren, dass wir ihre Arbeit stichprobenartig unter die Lupe nehmen.

Die kassenärztlichen Vereinigungen, die die Arzthonorare verteilen, lassen die Kassen bislang ziemlich im Regen stehen.

Zumindest rhetorisch hat sich auch da ein Positionswechsel vollzogen. Bis vor wenigen Monaten stand die kassenärztliche Bundesvereinigung noch auf dem Standpunkt, beim Abrechnungsbetrug handle es sich nur um Einzelphänomene. Motto: Schwarze Schafe gibt es überall. Inzwischen hört man von dort auch Differenzierteres. Nur müsste dem jetzt konsequentes Handeln folgen. Die kassenärztlichen Vereinigungen haben schließlich eine Treuhänderfunktion gegenüber den Ärzten. Ich frage mich ohnehin, wieso von den Leidtragenden, den vielen ehrlich arbeitenden Medizinern, bei dem Thema nicht viel mehr Druck ausgeübt wird.

Wäre nicht schon viel gewonnen, wenn man Kassenpatienten ihre Arztrechnungen quittieren ließe?

Ich hätte nichts dagegen, und rein psychologisch könnte das schon einiges bewirken. Aber es ist eine Illusion, dass sich allein damit das Problem beseitigen lässt. Gerade bei qualifizierten Behandlungen entzieht sich die Rechnung für Laien oft der genaueren Einschätzung. Viele Patienten müssten dann etwas quittieren, was sie nur von der Oberfläche her beurteilen können.

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