Krankenkassenreport : Neue Arznei ist oft nicht besser

Experten haben 20 neue Arzneimittel unter die Lupe genommen. Das traurige Ergebnis: Nur drei bringen echten therapeutischen Fortschritt.

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Teure Arznei. Doch nicht alles, was von den Herstellern als Innovation gepriesen wird, bringt wirklich Verbesserung. Foto: dpa
Teure Arznei. Doch nicht alles, was von den Herstellern als Innovation gepriesen wird, bringt wirklich Verbesserung. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Die Erwartungen waren riesig, der tatsächliche Effekt ist jedoch nur mäßig. Auf diese Formel lässt sich ein erster „Praxistest“ der neuen Verpflichtung für die Arzneimittelhersteller bringen, künftig immer auch den Nutzen ihrer angeblichen Innovationen nachzuweisen. Ein Forscherteam der Universität Bremen nahm sämtliche Medikamente, die im Folgejahr 2011 neu auf den Markt kamen, genauer unter die Lupe. Das Ergebnis, nachzulesen im aktuellen Innovationsreport der Techniker Krankenkasse (TK): Von 20 neuen Wirkstoffen erwiesen sich auch jetzt nur drei als echter Fortschritt. Zehn schafften das Prädikat „begrenzt innovativ“. Und sieben wurden als komplett überflüssig aussortiert – eine Quote von 35 Prozent.

Eindeutig nachgewiesen wurde von den Forschern ein Zusatznutzen nur für den Gerinnungshemmer Ticagrelor, den Amyloidose-Wirkstoff Tafamidis und das Prostatakrebsmittel Abirateron. Studienleiter Gerd Glaeske nannte dieses Ergebnis „bescheiden“. Er erinnerte aber daran, dass die Bilanz für das Jahr 2010 - also vor Einführung der Nutzenbewertung im Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG) - noch weit schlechter ausgefallen war. Damals hätten sich 67 Prozent der angeblichen Innovationen als Mittel ohne Zusatznutzen herausgestellt. Und nur für einen einzigen von 21 Wirkstoffen sei ein therapeutischer Fortschritt belegbar gewesen.

Finanziell schlug die neue Arznei gleichwohl mächtig zu Buche. Allein bei der TK belief sich der Umsatz damit im Jahr nach der Markteinführung auf 74 Millionen Euro – bei einem Durchschnittspreis pro Packung von mehr als 1500 Euro. Es sei auffällig, sagte Glaeske, dass ein Drittel der neuen Arzneimittel auf Krebserkrankungen und Multiple Sklerose entfielen – „auf Krankheiten also, bei denen wegen der Behandlungsnotwendigkeit auch besonders hohe Kosten akzeptiert werden“.

Auch habe sich herausgestellt, dass ein nachgewiesener Nutzen dem Patienten nicht automatisch zugute komme. So werde etwa das Mittel Ticagrelor bei jedem dritten falsch eingesetzt. Auch wisse man zum Zeitpunkt der Markteinführung oft noch zu wenig über Nebenwirkungen. Für acht der 20 geprüften Wirkstoffe bedurfte es nachträglicher Warnhinweise. Das zeige, so die Forscher, dass eine einmalige Bewertung neuer Arznei nicht ausreiche.

Er könne nicht verstehen, dass sich so viele Mediziner auf die Hochglanzprospekte der Arzneihersteller verließen, sagte der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Obwohl nur fünf bis zehn Prozent der neuen Produkte echten Fortschritt brächten, stünden ihnen 40 Prozent der Ärzte generell positiv gegenüber. Das äußere sich dann auch in ihrem Verschreibungsverhalten. Allein für die sieben Mittel, die dem Innovationsreport zufolge keinerlei Zusatznutzen brachten, musste die TK im vergangenen Jahr deshalb 4,6 Millionen Euro ausgeben.

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