Politik : „Krass ausgewichen“

Freiheit, Gleichheit und der Krieg: Worüber junge Franzosen und Deutsche mit Schröder und Chirac diskutieren

Albrecht Meier

Von Albrecht Meier

Es war wie im richtigen Parlamentarier-Leben. Auch dort kommt es vor, dass fleißige Ausschüsse tagen, Anträge verabschiedet werden – und dann plötzlich von der brennenden Tagesaktualität überrollt werden. So schnappten sich dann am Donnerstagvormittag bei einer Diskussion eines deutsch-französischen Jugendparlamentes im Kanzleramt die beiden Berliner Schülerinnen Simone Weidner (15) und Sarah Herrenkind (17) das Mikrofon und stellten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac die Frage, die allen 550 Jugendlichen unter den Nägeln brannte: „Werden Sie gemeinsam mit einem klaren Nein gegen den Irak-Krieg stimmen?“

Schröder kam die Frage nicht ganz ungelegen. Der Kanzler betonte, er sei sich mit Chirac einig, dass ein militärischer Einsatz im Irak keineswegs unausweichlich sei. Für Deutschland jedenfalls habe er klargemacht, „dass wir einer Legitimierung von Krieg nicht zustimmen können“. Chirac fasste sich in seiner Antwort etwas kürzer – und vager: Die von Schröder vorgetragene Linie sei „die gemeinsame Außenpolitik“ zwischen den beiden Partnern.

Am Vortag hatten Schröder und Chirac an einer feierlichen Parlamentssitzung in Versailles zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages teilgenommen. Am Donnerstag stellten sich die beiden nun im Kanzleramt den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Das Jugendparlament des Deutsch-Französischen Jugendwerks hatte zuvor an drei Tagen Vorschläge zur Belebung des Verhältnisses zwischen beiden Ländern erarbeitet. Die jungen Leute tauschten sich dabei über gemeinsame politische Themen wie die Gentechnik und die Atomenergie aus, kamen aber auch auf konkrete Ideen wie eine gemeinsame deutsch-französische Krankenkassen-Chipkarte.

Schröder suchte wie schon in Versailles den Schulterschluss mit Chirac und beschwor die französischen Revolutions-Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Chirac erinnerte an die europäische Kultur, die sich durch den Vormarsch der englischen Sprache nicht verdrängen lassen dürfe. Er regte an, dass jedes Kind in Europa schon von klein auf neben der Muttersprache zwei Fremdsprachen lernen solle.

Bei den Schülern, die zuvor jeden Wortbeitrag begeistert beklatscht hatten, rief die Diskussion mit dem Kanzler und dem Präsidenten anschließend ein unterschiedliches Echo hervor. Schröder und Chirac seien in vielen Punkten „krass ausgewichen“, befand Simone Weidner. Und auch die 16-jährige Daria Ivanova meinte, die beiden Politiker hätten zumindest eine der Fragen etwas genauer beantworten können: Was denn Deutsche und Franzosen trotz aller Gemeinsamkeiten bis heute noch trennt?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben