Politik : Kratzer am Denkmal

Türkische Armee nach PKK-Angriff in der Kritik

Susanne Güsten[Istanbul]

Kurdische Rebellen greifen am helllichten Tag einen Posten der türkischen Armee in Südostanatolien an, setzen schwere Waffen ein und töten mindestens 15 Soldaten, bevor sie wieder über die Grenze in den Irak verschwinden. Und was sagt der türkische Generalstab über die seit Jahren größte militärische Schlappe Ankaras gegen die Kurdenrebellen? Die PKK sei bei dem Angriff gescheitert, verkündete der stellvertretende Generalstabschef Hasan Igsiz allen Ernstes. Doch die Öffentlichkeit nimmt den Realitätsverlust der Armeeführung nicht mehr unwidersprochen hin. Noch nie sah sich die Armee so scharfer öffentlicher Kritik gegenüber wie derzeit.

General Igsiz musste sich bei einer Pressekonferenz ungewohnt unangenehme Fragen anhören. Wie es denn sein könne, dass die Armee nichts von den Vorbereitungen der PKK für den Großangriff auf den Posten im südostanatolischen Aktütün bemerkt habe, wollten die Reporter wissen. „Wo gibt’s denn so was?“ entrüstete sich sogar ein ehemaliger Offizier im Fernsehen. Erst vor wenigen Monaten hatte die Armee geprahlt, dank moderner Technik und US-Geheimdiensthilfe sei die PKK im Nordirak für die Militärs so einfach zu beobachten wie es die Teilnehmer der Fernsehshow ,Big Brother‘ für die Zuschauer seien – doch jetzt habe die PKK „aus einem Big-Brother-Haus einen blutigen Angriff gestartet“, kommentierte eine Zeitung.

Als Sofortmaßnahme sollen nun fünf besonders exponierte Armeeposten verlegt werden, darunter auch der in Aktütün. Zudem griffen Kampfflugzeuge erneut vermutete PKK-Ziele im Nordirak an. Die Bombardements galten dem Generalstab zufolge den nach dem Angriff in Aktütün abziehenden PKK-Trupps. Die Rebellen zeigten sich unbeeindruckt und erklärten, ihre Kämpfer hätten die Leichen von zwei Soldaten aus Aktütün mitgenommen, die seit dem Gefecht vom vorigen Freitag vermisst wurden. Damit würde die Zahl der Toten auf 17 steigen.

Mittelfristig ist eine weitere großflächige Militärintervention gegen die PKK im Nordirak wahrscheinlich, auch wenn die letzte Aktion im vergangenen Februar den Kurdenrebellen ganz offensichtlich keinen entscheidenden Schlag versetzen konnte. Im Parlament von Ankara wird am Mittwoch beim Votum über die Verlängerung des Mandats für solche Einsätze mit einer großen Mehrheit gerechnet – nur die Kurdenpartei DTP ist dagegen. Trotz der Kritik an der Armee kommt eine Verweigerung des Mandats und damit ein Verzicht auf Strafaktionen gegen die PKK auf irakischem Boden in den Augen der meisten Türken gerade nach der jüngsten Aktion der Rebellen nicht infrage.

Ob die Türkei langfristig neue Wege in der Kurdenpolitik gehen wird, ist unsicher. Zwar haben Ministerpräsident Erdogan und der neue Generalstabschef Basbug mehrmals darauf verwiesen, dass der militärische Kampf gegen die PKK durch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Initiativen für die Kurden flankiert werden müsse. Geschehen ist bisher aber nichts.

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