Krawalle in England : London Falling

„Warum nur?“, fragt sich Trevor Reeves. Sein Geschäft ist in Flammen aufgegangen, und es ist nicht das einzige in der Hauptstadt. Seit zwei Tagen tobt und plündert ein Mob, und niemand weiß, ihn aufzuhalten.

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"Keep calm and carry on" ist ein Leitspruch der Briten. Hier eine humorvolle Variation an der zerstörten Front eines Süßwarenhändlers. Frei übersetzt: "Ruhig bleiben und weiter zuckern".Weitere Bilder anzeigen
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12.08.2011 17:40"Keep calm and carry on" ist ein Leitspruch der Briten. Hier eine humorvolle Variation an der zerstörten Front eines...

Die Polster waren eine leichte Beute. Schnell hatten sich die Flammen über die Sofaecken und Sitzgarnituren hergemacht, die Teppiche erreicht, und dann stand auch bald das ganze „House of Reeves“ in Flammen. Ein Möbelhaus, das sich in einem Eckgebäude in Croydon, Südlondon, befunden hatte, von dem aber nach der Nacht auf Dienstag nichts übrig bleiben sollte als das bloße Gerippe.

„Warum nur?“, fragt Trevor Reeves, der Eigentümer. „In einer Nacht endete alles, was fünf Generationen aufgebaut haben.“

1867 war das Möbelhaus gegründet worden, sogar den „Blitz“ der deutschen Luftwaffe hatte es überstanden. Aber die Aufstände der eigenen Jugend, die Ende vergangener Woche im Londoner Stadtteil Tottenham losgegangen waren und sich seither wie eine ansteckende Krankheit über die Hauptstadt selbst und im ganzen Land ausbreiten, die nicht mehr. „Irgendwas stimmt in unserer Gesellschaft nicht“, sagt Reeves und nimmt die Beistandswünsche entgegen, die ihm von überallher zugehen. „Wir danken allen für Ihre freundliche Unterstützung“, haben die Reeves’ inzwischen auch auf ihre Webseite geschrieben, die ansonsten nur vermerkt, dass der „Laden vorübergehend nicht erreichbar“ sei. Die ganze Welt konnte zugucken, wie sein „House of Reeves“ in Flammen aufging. Stundenlang war das grellgelb lodernde Gebäude am späten Montagabend im Fernsehsender BBC gezeigt worden. Als eins von mehreren dramatischen Hintergrundbildern für die Berichte der Journalisten und Experten. Immerhin, sagt Reeves noch, seien sie nicht geplündert worden, „weil man mit einer Polstergarnitur nur schlecht davonrennen kann.“ Sein Humor ist den Flammen also entkommen.

Am anderen Ende der Stadt, in Hackney, einem Stadtteil im Londoner East End, sieht es am späten Montagabend ähnlich aus. Auch dort müssen Ladenbesitzer zusehen, wie ihre Geschäfte niedergebrannt werden. „25 Jahre meines Lebens, alles weg“, sagt einer, der von der gegenüberliegenden Straßenseite, auf die er sich geflüchtet hat, beobachtet, wie sein „Spar“-Shop gerade geplündert wird. Junge Männer in Kapuzenpullis gehen ein und aus, stehlen Alkohol, Zigaretten oder was sich sonst zu Geld machen lässt. „Alles, was ich mir aufgebaut habe, ist dahin“, sagt der Ladenbesitzer, und er fragt: „Wo ist die Polizei?“

Doch die kam auch in dieser dritten umkämpften Nacht mit 6000 Beamten gegen die Randalierer nicht an. Oft konnten die selbst kaum mehr tun, als zuzusehen.

„Riots“, blindwütige Ausschreitungen, sind Landmarken in der britischen Geschichte: Von den „Gordon Riots“, als der Mob 1780 die Geschäfte und Kapellen katholischer Mitbürger abfackelte, bis zu den ethnisch motivierten Krawallen in den Thatcher-Jahren, als London, Bristol und Liverpool wochenlang unter den schweren Ausschreitungen litten. Neu ist allerdings die kriminelle Energie, mit der die meist jugendlichen Täter vorgehen. Und neu ist auch der flehende Appell des Londoner Polizeichefs an die vielen Schaulustigen, die wie in einem Freilufttheater die Gewalttaten beobachten. Als ginge sie das alles nichts an.

In Hackney ging es am Montag bereits am hellen Nachmittag los, und es dauerte Stunden, bis die Polizei die Aufständischen von der geplünderten Geschäftsgegend in die soziale Wohnsiedlung „Pembury Estate“ zurückdrängen konnte. Wegen der Altglascontainer fehlte es nicht an Wurfgeschossen. Viele Randalierer entwichen durch das Labyrinth der Korridore und Wege zu immer neuen Schauplätzen. Schnell da, schnell weg und mit den Örtlichkeiten bestens vertraut – bei diesem „Räuber und Gendarm“-Spiel war die Polizei immer der Verlierer. Und so ging es nicht nur in Hackney. Von Croydon im Süden bis Enfield im Norden und Ealing im Westen loderte London.

Und die brandstiftende Gewalt breitete sich auch weit entfernt von der britischen Hauptstadt in Birmingham, in Bristol, in Liverpool, in Nottingham und in Leeds aus. Und zumindest in London machen sich die Menschen darauf gefasst, dass die Nacht zu Dienstag nicht die letzte Krawallnacht war.

„Warum nur?“ Das fragt sich nicht nur Trevor Reeves. Das fragen sich viele. Und es ist vielleicht die Frage, die am schwierigsten zu beantworten ist.

Dass es Jugendliche sind, die da randalieren, das weiß man. Dass sie aus jenen Gegenden kommen, in denen die sozial Schwächeren und Schwachen leben, die weniger Gebildeten, die mit den geringeren, vielleicht gar keinen Chancen, das legt die Genese dieser Aufstände nahe, die in Tottenham begannen, nachdem dort am vergangenen Donnerstag während eines Polizeieinsatzes unter noch ungeklärten Umständen der 29-jährige Mark Duggan, Familienvater und mutmaßlicher Drogen- und Waffenhändler zu Tode gekommen war.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie Ermittler versuchen, den Gewalttätern anhand von Videoaufnahmen auf die Spur zu kommen.

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