Krawalle in England : Wenn Wut hochkommt

Im Jobcenter von Manchesters Armenviertel sagt June: „Die Leute hier wollen nicht arbeiten, die sind viel zu fertig.“ Und Sozialarbeiter Dino findet zwar, dass die Randalierer Verbrecher sind – doch er fragt: „Wie wurden sie dazu?“

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Wanted! Mit Fotos der gesuchten Plünderer fahren Fahndungsautos der Polizei durch Manchester. Den Bürgern gefällt das. Foto: Phil Noble, Reuters
Wanted! Mit Fotos der gesuchten Plünderer fahren Fahndungsautos der Polizei durch Manchester. Den Bürgern gefällt das. Foto: Phil...Foto: REUTERS

Sie fahren jetzt mit Lieferwagen durch die Stadt, auf denen große Fotos angebracht sind. Fotos von Männer und Jugendlichen. „Shop a looter“, steht über den Bildern, also etwa: Machen Sie die Plünderer dingfest, helfen Sie der Polizei, damit die Täter für ihre Verbrechen zahlen.

Das ist ihre neueste Fahndungsstrategie – und die kommt gut an in der Bevölkerung. Das hat Police Officer Garry Shewan schon am Freitagabend gemerkt, als er sich in der Market Street postiert hat, um der Öffentlichkeit die neuen fahrbaren Pranger vorzustellen. Die Market Street mit dem gigantischen Arndale Einkaufscenter ist die zentrale Shoppingstraße, und sie war Kampfzone, als – angestachelt durch die Aufstände Anfang der Woche in London – auch in Manchester Horden Unbekannter loszogen, um sich zu holen, was sie begehrten, indem sie die Fenster und Türen der bereits geschlossenen Geschäfte einschlugen.

Das seien „zutiefst unmoralische Menschen“, ist Shewan sicher. Er sagt, dass sie bei der Polizei Videoaufnahmen hätten, die Familien zeigen, die mit dem Wagen vorfahren und dann ihre „Kinder in die Läden schicken, damit die die Flachbildschirme rausholen, und dann fahren sie wieder heim.“ Und die Fotoplakate auf den beiden Autos, die bei ihm in der Fußgängerzone stehen, zeigen zwölf Bilder von jenen, die in besagtem Auto gesessen haben könnten. „Kriminelle, nichts als Kriminelle. Wir werden sie kriegen, wir werden sie alle kriegen“, da ist Shewan ganz auf der offiziellen Linie seines Premierministers. Zu den Ursachen des Unheils aber will er sich nicht äußern. Diese Art Spekulation gehört nicht zur Aufgabe der Polizei.

Außer Shewan und seinen Wanted-Wagen erinnert auf den ersten Blick kaum noch etwas daran, dass in der Nacht zu Mittwoch ein Mob Schrecken, Angst, Gewalt und Zerstörung durch die Straßen trieb. Shewan und vielleicht die Zeitungsverkäufer noch, die die „Manchester Evening News“ kostenlos an die Passanten verteilen, deren erste Seiten die Plünderer abbilden, die bereits verurteilt wurden. Es sind böse wütende brutale Gesichter dabei, denen möchte man nicht einmal am Tag begegnen.

Aber wer diese Menschen sind, woher sie kamen, und warum sie taten, was sie taten, das weiß man immer noch nicht. Die Randalierer nach ihren Motiven fragen ist nicht möglich. Ein Teil sitzt in Haft, der andere Teil outet sich nicht, weil er sonst auch in Haft käme.

Aber wie jetzt weiter nach den Aufständen, fragen sich die Menschen. Was sie sagen, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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