Krawalle überall : Europas verlorene Jugend

10.08.2011 21:14 UhrVon Veronica Frenzel, Albrecht Meier, Sigrid Kneist, Matthias Thibaut
Revolution oder nur Krawall von jugendlichen Randalierern? Foto: Reuters
Revolution oder nur Krawall von jugendlichen Randalierern? - Foto: Reuters

In Großbritannien wütet eine Generation, die sich verlassen fühlt. Wie ist die Situation in anderen EU-Ländern?

Die Jugendkrawalle in England halten nicht nur die Menschen auf der Insel in Atem – die Bilder von den brutalen Auseinandersetzungen zwischen der britischen Polizei und den Randalierern werfen auch in anderen europäischen Ländern die Frage auf, ob wirklich allein die Zerstörungswut die jungen Leute auf die Straße treibt. Denn nicht nur in England fühlt sich eine ganze Generation ausgegrenzt und chancenlos.

DIE JUGEND IN ENGLAND

Britische Jugendliche zertrümmern gerade ihr Land und ihre eigenen Kommunen. Die Analyse scheint klar: „Es sind junge Leute, die kein Interesse an ihrer Gesellschaft haben“, sagt die Labour-Abgeordnete des von Krawallen betroffenen Stadtteils Hackney, Diana Abbott.

Trotzdem beginnt eine Debatte, ob diese Entfremdung einer vorwiegend jugendlichen Außen- oder Unterschicht nur in sozialer Perspektivlosigkeit begründet ist oder ob sie übergreifende sozio-kulturelle Gründe hat.

Materiell ist die Lage der britischen Jugendlichen denkbar schlecht. Seit 2008 ist die Arbeitslosenquote der 16- bis 24-Jährigen um dramatische 40 Prozent gestiegen: Heute ist jeder fünfte – 20 Prozent – in dieser Gruppe ohne Arbeit – mit 12,8 Prozent ist die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen sehr hoch. Im Vergleich sind nur 9,1 Prozent der Gesamtbevölkerung arbeitslos. In Tottenham, wo die Krawalle begannen, kommen auf einen neuen Arbeitsplatz 57 Stellensuchende. „Wir verlieren eine ganze Generation“, warnte Gewerkschaftschef Brendan Barber.

Auch die Sparmaßnahmen der Regierung treffen die Jugend überproportional und verdüstern ihre Perspektiven: drastisch ansteigende Studiengebühren, die Aussicht auf eine hohe Verschuldung und eine steigende Wohnungsnot. Wie überall in Europa wissen Jugendliche auch in Großbritannien, dass sie es weniger gut haben werden als ihre Eltern. Besonders hart trafen die Sparmaßnahmen die 18-Jährigen: Labour zahlte ihnen eine Erziehungsbeihilfe, damit sie noch ein Jahr länger die Schulbank drückten, das fällt jetzt weg. Dahinter stecken tiefer gehende Strukturprobleme. Fünf Millionen Briten im arbeitsfähigen Alter leben, ohne zu arbeiten, und viele suchen gar nicht nach Arbeit. Eine Million Briten haben trotz eines langjährigen Wirtschaftsbooms während der Jahre bis 2007 nie gearbeitet, 250 000 Kinder wachsen in Haushalten auf, in denen nie jemand gearbeitet hat – oft über mehrere Generationen hinweg. Tory-Arbeitsminister Chris Grayling bezeichnete diese „Kultur der Arbeitslosigkeit“ als eine „tickende Sozialbombe“, die Labour hinterlassen habe.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die Situation der Jugend in Frankreich ist.

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