Politik : "Kreuze an und gewinne!"

Stephan Israel

Kroatiens erste Parlamentswahlen nach dem Ende der Tudjman-Ära. Ein ganzes Heer von einheimischen Beobachtern ist im EinsatzStephan Israel

In den Straßen von Zagreb würde nichts auf einen "schicksalshaften" Tag hindeuten. Es herrscht sonntägliche Ruhe. Kein Wunder, denn der Wahltag ist arbeitsfrei, und einige werden sich wohl noch von den Strapazen der Silvesternacht erholen. Kroatien hat am Montag kurz nach dem Ende der Tudjman-Ära ein neues Parlament gewählt, und fast scheint es, als könnte das Resultat keine große Überraschung bringen. Die letzten Umfragen haben den deutlichen Sieg der sozialliberalen Koalition und eine Niederlage der Tudjman-Partei HDZ prognostiziert.

"Es muss etwas anderes kommen", ist ein Rentner auf dem Weg ins Wahllokal des Zagreber Stadtbezirks überzeugt. Er schimpft über die magere Rente, die meist verspätet ausbezahlt wird. Auch die alte Regierung, die das Land "blamiert" habe, kommt bei ihm nicht gut weg. Im Wahllokal ist man mit Routine am Werk, und eine Mitarbeiterin berichtet zufrieden vom kontinuierlichen Zustrom.

Im Hauptquartier von "Gong", einige hundert Meter entfernt, herrscht Hektik. Die Telefone klingeln ohne Unterbrechung. Laufend kommen Zwischenberichte der ehrenamtlichen 5500 Beobachter, die im lang gestreckten Land im Einsatz sind. "Gong" ist die eingängige Abkürzung für die regierungsunabhängige Organisation (NGOs), deren Mitarbeiter erstmals in den Wahlbüros auf die Finger schauen können. Suzanne Jasic, einst Chefredakteurin einer Studentenzeitung und heute Leiterin von "Gong", spricht vom Erfolg "harter Lobbyarbeit". Ihr Team ist jung und wirkt professionell: "Unser Anliegen ist Transparenz, wir wollen das Vertrauen in den Wahlprozess vergrößern", erklärt Suzanna Jasic.

Korrekte Wahlen sind in Kroatien auch zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch keine Selbstverständlichkeit, und die Mängelliste ist lang. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat den letzten Urnengang als "frei, aber nicht fair" charakterisiert. Die Zulassung einheimischer Beobachter wurde erst im letzten Moment und auf internationalen Druck hin im neuen Wahlgesetz verankert.

Nach dem Wahltag und der erwarteten Wende werde auch Kroatiens Bürgergesellschaft als Siegerin dastehen, ist Bojan Munjin vom kroatischen "Helsinki Komitee" überzeugt: "Kroatien wird ein anderes Land mit einem anderen Gesicht sein". Er rechnet damit, dass ein Sieg der Opposition viele Energien in der Gesellschaft freisetzen wird. Die NGOs könnten nicht mehr länger als "fünfte Kolonne" im Dienste der "Feinde Kroatiens" diffamiert werden. Für die Bewältigung des "Klimas des Hasses und der Angst", das die HDZ hinterlasse, veranschlagt der Menschenrechtler allerdings weitere zehn Jahre. Die Väter und Mütter der Wende in Kroatien werden nicht in erster Linie in den Reihen der Opposition zu suchen sein.

Eine wichtige Rolle hat im Vorfeld der Wahl auch "Glas 99", eine Dachorganisation von 148 NGOs, gespielt. "Glas" hat auf kroatisch eine doppelte Bedeutung: Es heißt nicht nur "Wahl", sondern auch "Stimme". Seine Organisation sei angetreten, um den Bürgern eine "Stimme" zu geben, betont Tin Gazivoda von "Glas 99". Besonders in der jüngeren Generation sei der Wunsch nach einem "Wechsel" und einer Öffnung des Landes Richtung Europa groß. Eine Rockgruppe, die mit dem Song "Neue Zeit" durch das Land gezogen ist, hat "Glas 99" im ganzen Land populär gemacht.

Einzig das staatliche Fernsehen, unter Kontrolle der alten Tudjman-Partei, wollte den Videoclip mit dem Song nicht ausstrahlen. Das Verfassungsgericht hat zwischen Weihnachten und Neujahr schließlich ein Urteil zugunsten des NGOs gesprochen. Mit dem Slogan "Das einzige wichtige Gewinnspiel", hat "Glas 99" auf einem Plakat zusätzlich gegen die Apathie gekämpft und um die Wähler geworben: "Kreuze an und gewinne".

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