Politik : Kricket-Diplomatie

Offiziell lädt Indien Pakistans Präsidenten zu einer Sportveranstaltung, tatsächlich geht es um Kaschmir

Ruth Ciesinger

Berlin - Bloß keine zu großen Erwartungen wecken, diesen Vorsatz haben Delhi und Islamabad gleichermaßen gefasst. Dabei liegen zwischen dem Besuch des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf an diesem Wochenende und seiner letzten Visite in Indien nicht nur ganze vier Jahre; seit 2001 sind die beiden Atommächte einerseits knapp an einem erneuten Krieg vorbeigeschrammt, in der Kaschmirfrage andererseits aber auch zu einem neuen Annäherungsprozess gekommen.

Offiziell hat Indiens Premier Manmohan Singh den Nachbarn eingeladen, um sich am Sonntag mit ihm das Kricketmatch Indien-Pakistan anzusehen. Tatsächlich geht es um Kaschmir. Delhi und Islamabad streiten seit der Unabhängigkeit von Großbritannien um die Region und haben mehrere Kriege deshalb geführt. Im indischen Teil der Himalaya-Region kämpfen zahlreiche Gruppen für ihre Unabhängigkeit oder den Anschluss an Pakistan. Allein durch diese Gefechte starben im vergangenen Jahrzehnt mehr als 66000 Menschen.

Indiens Regierung hat nun vor dem Musharraf-Besuch durchblicken lassen, dass sie sich in Kaschmir weitere „vertrauensbildende Maßnahmen“ vorstellen kann, beispielsweise die Zusammenführung von Familien, die durch die Waffenstillstandslinie zwischen Indien und Pakistan in Kaschmir, die so genannte „Line of Control“, getrennt sind. Außerdem wird nach Zeitungsberichten ein weiterer Rückzug indischer Truppen aus Kaschmir diskutiert. Treffen mit Vertretern der Kaschmiris sind geplant, Musharraf wird den Chef der Hurriyat-Konferenz sprechen, einem Zusammenschluss anti-indischer Gruppen in Kaschmir. Am Samstag sagte er dem indischen Sender NDTV, er wolle die moslemischen Kräfte aus der Region „so schnell wie möglich“ in den Friedensprozess mit einbeziehen. Ob das Delhi gefällt, sei dahingestellt. Doch gehen auch Beobachter davon aus, dass der Friedensprozess ohne eine direkte Beteiligung der Kaschmiris nicht vorankommen kann. Der Chef einer großen Rebellengruppe, der Hezb-ul Mujahedeen, erklärte sich dazu bereit: „Falls uns Indien einlädt, werden wir sicherlich an den Verhandlungstisch kommen“, sagte er einem Privatsender.

In jedem Fall aber gehen die Regierungen in der Kaschmirfrage vorsichtig aufeinander zu. Erst in der vergangenen Woche eröffneten Delhi und Islamabad eine Buslinie zwischen dem im indischen Teil liegenden Srinagar und dem 170 Kilometer entfernten Musaffarabad im pakistanischen Teil, die seit über 60 Jahren stillgelegen hatte. Pakistans Präsident nannte den Friedensprozess in einem Interview vor seiner Abreise nach Indien „ziemlich unumkehrbar“. Was die Reise selbst betreffe, werde das Ergebnis hoffentlich nicht das gleiche sein „wie in Agra“, sagte er in Anspielung auf den Gipfel 2001 zwischen ihm und dem damaligen indischen Premier Atal Bihari Vajpayee. Damals hatte man trotz aller Hoffnungen keine Fortschritte erzielt, der Konflikt eskalierte danach sogar. Dass Musharraf nun über Agra Witze reist, wird als Zeichen für relativ entspannte Stimmung gewertet. Vor dem Hintergrund aber ist auch klar, warum indische Politiker im Vorfeld der Gespräche zwischen Musharraf und Singh lieber verbreiten lassen, man erwarte „keinen Durchbruch“.

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