Politik : Krieg auf kleiner Flamme

Der Waffenstillstand in Sri Lanka ist zur Farce geworden – daran kann auch Norwegens Vermittlung nichts ändern

Christine Möllhoff[Neu Delhi]

Zwar scheuen Sri Lankas Regierung und die Tamilen-Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) noch davor zurück, offiziell die Waffenruhe auf der Tropeninsel aufzukündigen, doch „man kann sagen, dass wir in gewisser Weise bereits einen Krieg haben“, sagt der Chef der Beobachtermission zur Kontrolle des Waffenstillstands (SLMM), der schwedische Generalmajor Ulf Henricsson.

Allein seit Jahresbeginn sind mehr als 300 Menschen bei Anschlägen und Kämpfen ums Leben gekommen. Am Samstag wurden erneut 14 Menschen im tamilischen Norden getötet.

Nordeuropäische Länder – allen voran Norwegen – spielen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung zwischen Regierung und Rebellen. Unterstützt werden sie dabei von der EU, die bisher – anders als die USA, Großbritannien und Kanada – davon abgesehen hatte, die LTTE als Terrorgruppe zu bannen und so die Tür für Gespräche offen hielt. Doch die nordischen Vermittler fühlen sich zunehmend verschaukelt – vor allem die LTTE-Rebellen haben aus ihrer Sicht die Verschärfung des Konflikts provoziert. Auch die EU verurteilte die jüngste Seeattacke der LTTE als „rücksichtslos“, die SLMM zeigte sich ebenfalls empört und bezeichnete den Angriff, bei dem dutzende Menschen ums Leben gekommen waren, als grobe Verletzung der Waffenruhe. Einige SLMM-Beobachter hatten sich auf den Marineschiffen aufgehalten, die von Rebellen angegriffen wurden. Die Beobachtermission erklärte, die Rebellen hätten keine Seerechte. Die LTTE wies dies scharf zurück: „Wir sind schockiert und enttäuscht über die Parteilichkeit, die die SLMM zeigt.“ Nicht die LTTE, sondern die Marine habe zuerst angegriffen, behauptete ihr politischer Sprecher.

Von einer Neuauflage des offenen Bürgerkriegs ist Sri Lanka allerdings noch entfernt. Touristenziele blieben bisher von Anschlägen verschont. Noch scheinen beide Seiten davor zurückzuschrecken, zu einem regulären Krieg zurückzukehren. Die Rebellen können unter dem Deckmantel der Waffenruhe weiter Anschläge ausführen – und zugleich ihre Kämpfer und Ressourcen schonen. Zudem kämpfen sie noch an einer anderen Front – gegen den abtrünnigen LTTE-Militärkommandeur Karuna, der von der Regierung gedeckt wird. Mit gezielten Anschlägen auf LTTE-Kader schwächt er die Rebellen. Sie werfen der Regierung vor, über Karuna einen Stellvertreterkrieg zu führen.

Auch der Regierung in Colombo käme ein offener Krieg ungelegen. Nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg ist die Insel heruntergewirtschaftet. Und schon eine einzige Bombe in einem Hotel könnte den Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen, zum Erliegen bringen.

Entgegen seinem Ruf als Hardliner hatte Präsident Mahinda Rajapakse nach seiner Wahl im November die Rebellen zu Friedensgesprächen aufgefordert. Doch seine Bemühungen wurden durch die jüngste Anschlagsserie untergraben.

Rajapakse steht unter massivem Druck von Hardlinern und der Armee, die nach Vergeltung rufen. Nach einem Selbstmordanschlag auf den Armeechef Sri Lankas ließ er erstmals begrenzte Luftschläge zu. Auch in den Konfliktregionen geht die Armee, die sich zunächst zurückhielt, nun selbst mit wachsender Härte und Brutalität gegen Tamilen vor.

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