Politik : Krieg den Nachbarn

Ariel Scharon droht Syrien weiter – der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern hat eine neue Dimension erreicht

Andrea Nüsse[Amman]

DIE KRISE IM NAHEN OSTEN

Syrien war gewarnt, sagte Israels Regierungssprecher Awi Pasner am Sonntag. Es habe alle Einrichtungen des Islamischen Dschihad schließen sollen. „Offenkundig hat es das nicht getan“, rechtfertigte er den ersten Angriff Israels auf das Land seit über zwanzig Jahren. Nach Angaben der Armee war das nur der Anfang. „Die Armee hat jetzt Operationen gegen jene begonnen, die hinter den Anschlägen stehen“, hieß es in einer Erklärung. Wer Terror unterstütze, genieße keine Immunität mehr, hieß es aus dem Büro von Regierungschef Ariel Scharon.

Ziel sei ein Ausbildungslager des für den Anschlag in Haifa verantwortlichen Dschihad gewesen, teilte das Militär am Sonntag mit. Ein Sprecher in Beirut sagte jedoch, seine Organisation habe weder Lager noch Kämpfer in Syrien. Fest steht nur, dass die Antwort der israelischen Regierung auf den Selbstmordanschlag auf ein Restaurant in Haifa eine neue Dimension in dem Krieg zwischen Palästinensern und Israelis erreicht hat: Erstmals seit 1982 hat die israelische Luftwaffe ein Ziel mitten auf syrischem Territorium, nach israelischen Angaben 15 Kilometer nördlich von Damaskus, bombardiert.

Damit ist nach den Palästinensergebieten und Libanon ein weiterer arabischer Nachbar Ziel israelischer Angriffe, die als Vergeltungsschläge dargestellt werden. Bisher hatte sich die Auseinandersetzung zwischen Israel und Syrien, das die von Israel besetzten Golan-Höhen zurückfordert, auf libanesisches Territorium begrenzt: Israel wirft Syrien vor, die in Südlibanon operierende Hisbollah zu unterstützen. Als Warnung hatte Israel mehrfach syrische Radarstationen in Libanon bombardiert. Beobachter hatten dies bereits als ein Spiel mit dem Feuer gewertet, da der syrische Präsident Bashar al-Assad, der einen nationalistischen Diskurs vertritt, im eigenen Land an Glaubwürdigkeit verlieren könnte, wenn er nicht reagiert.

Eine viel größere Provokation stellt die Bombardierung eines Lagers mitten in Syrien dar. Israel wird dies nur gewagt haben, weil Assad die Hände gebunden sind: Syrien steht wie Iran im Visier der US-Regierung, die dem Land Unterstützung des ehemaligen irakischen Regimes wie des Terrorismus’ überhaupt vorwirft. Dabei hatte Syrien nach dem 11. September 2001 eng mit den USA zusammengearbeitet. Zudem hat Damaskus kürzlich Büros palästinensischer Gruppen geschlossen. Deshalb ist es nach Ansicht von Beobachtern unwahrscheinlich, dass Damaskus islamistische Palästinensergruppen im Land militärisch trainieren lässt.

Syrien wird wohl auf eine militärische Antwort verzichten: Es weiß, dass es Israel unterlegen ist. Außerdem kann es sich nicht erlauben, den Zorn Washingtons zu verstärken. Damaskus will nun eine Beschwerde bei den Vereinten Nationen einlegen. Doch bei israel-kritischen Resolutionsentwürfen nutzen die USA regelmäßig ihr Veto-Recht.

Das Bombardement wird die weit verbreitete Überzeugung in der arabischen Welt, Israel habe Expansionspläne und mache auch vor den Grenzen der Nachbarstaaten nicht Halt, wohl verstärken. Mit den Bomben auf Syrien hat Israel auch der Perspektive einer gesamtarabischen Friedenslösung, wie sie in den saudischen Vorschlägen vom arabischen Gipfel in Beirut 2002 enthalten ist, einen schweren Schlag versetzt.

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