Krieg der Worte : Israel verschärft Drohungen gegen den Iran

Die israelische Regierung schließt einen Angriff gegen den Iran wegen dessen Atomprogramm nicht aus, Teheran kündigt für diesen Fall verheerende Gegenschläge an. Steht ein militärischer Konflikt bevor?

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Nur Übung. In der Nähe Tel Avivs wurde dieser Tage das Verhalten bei einem Raketenangriff geprobt. Einen Zusammenhang zu den Debatten um den Iran gab es angeblich nicht.
Nur Übung. In der Nähe Tel Avivs wurde dieser Tage das Verhalten bei einem Raketenangriff geprobt. Einen Zusammenhang zu den...Foto: REUTERS

Die Töne Israels gegenüber dem Iran werden schärfer, die Forderungen an die Verbündeten unmissverständlicher. In einer ganzen Reihe von Interviews rief Staatspräsident Schimon Peres in den vergangenen Tagen die internationale Gemeinschaft auf, angesichts des iranischen Atomprogramms endlich schärfste Sanktionen gegen Teheran zu ergreifen – bevor es zu spät sei.

Wie wahrscheinlich ist ein israelischer Angriff auf die iranischen Atomanlagen?

Zwar drängen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak die siebenköpfige Ministerrunde an der Regierungsspitze seit längerem, einen Angriffsplan auf den Iran zu genehmigen. Doch noch immer scheint eine knappe Mehrheit in diesem Entscheidungsgremium dagegen zu sein. Und Barak setzte sich am Sonntag in einem Interview mit der BBC von seiner eigenen ultimativen Angriffsforderung etwas ab: „Genügend lähmende Sanktionen“ könnten die iranischen Atomambitionen stoppen, doch „keine Option sollte vom Tisch genommen werden“. Soll heißen: militärischer Schlag, wenn überhaupt, nur im äußersten Falle.

Staatspräsident Peres, seines Zeichens Friedensnobelpreisträger, mahnte am Sonntag: „Viele Anführer von verschiedenen Staaten versprachen zu verhindern, dass der Iran nukleare Waffen erhält. Wir müssen nun von ihnen verlangen, diese Verpflichtungen einzuhalten.“ Ganz offensichtlich haben Netanjahu und sein ultranationalistischer Außenminister Avigdor Lieberman Peres als Israels einzigen international hochangesehenen Staatsmann an die weltpolitische Front geschickt, um weitere Sanktionen gegen den Iran zu erhalten. Solange Peres redet, besteht die berechtigte Hoffnung, dass Israel von einer Attacke absieht.

Wenn der Iran-Report der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in dieser Woche (siehe Kasten) tatsächlich feststellt, dass sich der Verdacht verdichtet, der Iran strebe den Bau von Atombomben an, wird die internationale Gemeinschaft nicht umhinkommen, Teheran stärker in den Würgegriff zu nehmen. Gefordert sind aus israelischer Sicht dabei insbesondere die USA und die führenden EU-Staaten, also auch oder vor allem Deutschland. Israel wird nicht auf eine militärische Konfrontation setzen, wenn sofort schärfste Sanktionen gegen den Iran verhängt werden.

Wie ist Israel militärisch für eine Attacke gegen den Iran gerüstet?

Ihre militärischen Fähigkeiten zu einem Angriff hat Israels Armee in der vergangenen Woche mehrfach getestet. Ungeachtet dessen haben die Führungsspitzen von Armee und Geheimdiensten jede Art von Angriffsplänen vehement bestritten. Doch man will und muss für den Fall der Fälle gewappnet sein. Demonstrativ getestet wurde vor den Augen der Öffentlichkeit der Abschuss eines ballistischen Geschosses mit großer Reichweite. Über Sardinien wurde im Verlauf eines Manövers das Auftanken von Bomberflugzeugen geübt. Weitere solche Übungen sind geplant. Schließlich wurde im Landeszentrum eine Luftschutzübung abgehalten, bei der man von einem Angriff mit unkonventionellen Waffen ausging.

Israel hatte seinerzeit den irakischen Atomreaktor zur Atomwaffenherstellung kurz vor dessen Inbetriebnahme mit einem spektakulären Luftangriff zerstört. Doch da die atomaren Rüstungsanlagen des Iran weit im Land verteilt sind, ergibt sich für die israelische Luftwaffe eine ungleich schwierigere Aufgabe.

Aber es gibt nicht nur politische oder militärische Optionen. So wurden in den vergangenen Monaten gleich mehrere führende iranische Atomexperten Opfer von Unfällen oder mutmaßlichen „Unfällen“. Außerdem verzeichnete der Iran etliche unerklärliche Störungen an seinen Rüstungsanlagen. Hinter all dem vermuten die Experten den israelischen Geheimdienst Mossad.

Welche Risiken geht Israel ein?

Die staatlichen iranischen Medien haben Israel für den Fall eines Angriffes mit Gegenschlägen „apokalyptischen Ausmaßes“ gedroht. Tatsächlich hat der Iran in den vergangenen Jahren sein ambitioniertes zweigleisiges Rüstungsprogramm vorangetrieben: Nuklearwaffen und immer weiter reichende Raketen – die wohl mit atomaren Sprengköpfen versehen werden können. Präsident Ahmadinedschad erklärte am Wochenende, Israel könne seinem Staat zwar Schaden zufügen, der Iran sei aber in der Lage, mit einem Schlag „das zionistische Gebilde“ auszulöschen. Israel verfügt über die wohl weltweit besten Raketenabwehrsysteme und hat auch diejenigen gegen ballistische Geschosse erfolgreich getestet. Doch letztere sind bislang nur sehr begrenzt einsatzfähig.

Wie verhält sich Israels Bevölkerung?

Im Alltag von Tel Aviv oder Jerusalem gibt es keinerlei Anzeichen von Aufregung. Zwar vertrauen 52 Prozent der Israelis bei der Iran-Politik dem Führungsduo Netanjahu-Barak. Doch tun sie dies offensichtlich vor allem mangels echter personeller und politischer Alternativen. Gespalten ist die Öffentlichkeit in Bezug auf die Angriffspläne: 41 Prozent sind dafür, 39 Prozent dagegen.

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