Politik : Krieg gegen die „Ungläubigen“

Der jordanische Terrorist al Sarkawi soll für die Anschläge auf irakische Christen verantwortlich sein

Frank Jansen

Bagdad/Berlin – Die islamistischen Terroristen im Irak attackieren jetzt offenbar auch die christliche Minderheit. Sicherheitsexperten bewerten die jüngsten Anschläge auf Kirchen als Teil einer Eskalationsstrategie der „Dschihadisten“ (Gotteskrieger). Am Sonntag waren bei fünf Anschlägen auf Kirchen und andere christliche Einrichtungen in Bagdad und Mossul zehn Menschen gestorben, ungefähr 50 wurden verletzt. Eine weitere Autobombe vor einer Kirche in Bagdad konnte entschärft werden. „Das sind koordinierte Angriffe auf Ungläubige“, sagte ein Sicherheitsexperte dem Tagesspiegel, „deshalb kommen eher islamistische Terroristen in Frage als der saddamtreue Widerstand“.

Der irakische Übergangspräsident Ghasi al Jawar verurteilte die Anschläge als „Terrorakte gegen Söhne des irakischen Volkes“. Auch der schiitische Großajatollah al Sistani bekundete seine Solidarität mit den Christen im Irak. Der Papst schrieb in einem Telegram an die irakischen Bischöfe, er sei „tief bestürzt“.

Als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge gilt der Jordanier Abu Mussab al Sarkawi. Sicherheitsexperten bezeichnen ihn als Statthalter Al Qaidas im Irak. Es könnte sein, dass Sarkawi die Anschläge auf die Kirchen organisiert habe, um sich muslimischen Unmut über die Christen zunutze zu machen. Imame in Bagdader Moscheen hätten in den vergangenen Wochen behauptet, Kirchen wären von Razzien nicht betroffen, weil die Christen mit den Amerikanern kollaborierten.

Sarkawi ist möglicherweise auch für eine am Montag gemeldete Bluttat verantwortlich. Ein gekidnappter Türke soll nach Berichten türkischer Fernsehsender von Sarkawis Leuten mit drei Kopfschüssen getötet worden sein. Entsprechende Bilder waren auf einer islamistischen Website veröffentlicht worden. Das US-Militär im Irak macht Sarkawi für die meisten Geiselnahmen und schweren Anschläge verantwortlich. Für seine Ergreifung sind 25 Millionen Dollar ausgesetzt. Sarkawi selbst brüstet sich mit Attentaten. Außerdem wurde im Mai in einem islamistischen Video behauptet, Sarkawi habe den entführten Amerikaner Nicholas Berg enthauptet.

Deutsche Sicherheitskreise bezweifeln allerdings, dass der Jordanier so allgegenwärtig ist, wie er selbst und die Amerikaner berichten. Seit einem Jahr könne kein Geheimdienst sagen, wo sich Sarkawi im Irak aufhält, heißt es. Die Amerikaner bräuchten aber offenbar ein „Gesicht“ für den Terror, der ihnen im Irak entgegenschlägt. Die Bedeutung des Jordaniers wird jedoch auch in Deutschland nicht unterschätzt. Hier gehen Experten inzwischen davon aus, dass Sarkawi trotz der Allianz mit Osama bin Laden im islamistischen Terrornetz eine Art viertes Element darstellt – neben Al Qaida, regionalen Akteuren wie der indonesischen Jemaah Islamijah und den vielen „non aligned Mudschahedin“, zu denen beispielsweise die Attentäter von Madrid zählten.

Die Islamisten-Szene im Irak sei schwer zu durchschauen, sagen deutsche Experten. Die Gruppen Ansar al Islam und Ansar al Sunna zählten zusammen etwa 600 Mann. Sarkawi sei nicht ihr Anführer, habe aber „Einfluss“. Ominös sei die Gruppe, die Sarkawi angeblich leitet, die „Al Tawhid w’al Dschihad“ („Einheit und Heiliger Krieg“). Womöglich ist der Name nur aufgeblasen: Vor zwei Jahren führte Sarkawi eine Bewegung, die „Al Tawhid“ hieß und auch in Deutschland Anschläge verüben wollte. Generalbundesanwalt Kay Nehm ermittelt gegen Sarkawi. Der Jordanier sei ein Phantom, sagen Experten. Und halten ihn doch für eine besonders finstere Terrorfigur.

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