Krieg im Kaukasus : Abchasien startet Angriff auf georgische Truppen

Abchasische und georgische Truppen führen Gefechte in der Kodori-Schlucht. Bereits am Samstag hatte Abchasien versucht, georgische Truppen aus dem Gebiet zu vertreiben. Jetzt setzt die abtrünnige Provinz zum finalen Schlag an.

Georgische Soldaten Foto: getty
Georgischer Panzer getroffen. -Foto: getty

Washington/New York/Tiflis/MoskauIm Südkaukasus-Konflikt hat sich die Lage an der zweiten Front Abchasien verschärft. Militäreinheiten des von Georgien abtrünnigen Gebietes griffen am Dienstagmorgen im oberen Kodori-Tal georgische Stellungen an. Das teilte die Führung des von Russland unterstützten und international nicht anerkannten Gebietes Abchasien nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax mit. Zuvor hatten die Abchasen georgisches Militär und Zivilisten aufgefordert, das Flusstal an der Grenze zu Russland zu verlassen.

Die Kodori-Schlucht ist das einzige Gebiet in Abchasien, das noch von Georgien kontrolliert wird. Der russische Nachrichtensender Westi 24 berichtete von heftigen Schusswechseln und Luftangriffen der abchasischen Luftwaffe in der Kodori-Schlucht.

Um 6 Uhr Ortszeit (4 Uhr MESZ) habe die Operation zur Vertreibung der Georgier begonnen, hieß es in Suchumi. Die Abchasen betrachten das obere Kodori-Tal, in dem wenige tausend Menschen leben, als ihr Territorium. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili hatte dort 2006 die dortigen Abchasen vertreiben und eine georgische Verwaltung errichten lassen.

Russland schickt 9000 Soldaten zur Verstärkung

Im Gebiet Abchasien am Schwarzen Meer hat Russland in den vergangenen Tagen 9000 Soldaten und 350 Militärfahrzeuge zur Verstärkung der eigenen Friedenstruppen verlegt. Dies wurde mit der Unterstützung der bislang in Abchasien stationierten russischen Friedenstruppen begründet.

Abchasien versucht seit Samstag, die georgischen Truppen aus der Kodori-Schlucht zu vertreiben. Am Montag versicherte Tiflis, alle Angriffe abgewehrt zu haben. Dagegen versicherte der abchasische Verteidigungsminister Mirab Kischmarja, die georgischen Truppen säßen im oberen Abschnitt der Schlucht "völlig fest". Abchasien hatte sich ebenso wie die abtrünnige Provinz Südossetien Anfang der 90er Jahre von Georgien abgespalten. Nach dem Völkerrecht gehören beide Gebiete jedoch weiter zu Georgien.


Bush: "Dramatische und brutale Eskalation"

Kurz nach seiner Rückkehr aus China kritisierte Bush am Montagabend (Ortszeit) in Washington scharf die militärische Offensive Russlands in Georgien. Er warnte vor einer "dramatischen und brutalen Eskalation". Die russische Invasion eines "souveränen Nachbarstaates" sei im 21. Jahrhundert nicht akzeptabel.

Russland scheine die Regierung von Michail Saakaschwili stürzen zu wollen, sagte Bush. Russland müsse die Souveränität Georgiens respektieren. Er sei "tief besorgt" über Berichte, dass russische Truppen in Georgien vorwärtsrückten, die georgische Stadt Gori angriffen und Georgiens Hauptstadt Tiflis bedrohten, sagte Bush im Rosengarten des Weißen Hauses.

Gorbatschow wirft USA "grobe Fehler" vor

Der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow hat den USA im bewaffneten Konflikt zwischen Georgien und Russland "grobe Fehler" vorgeworfen. Moskau Aggressionen gegen Tiflis vorzuwerfen, sei "schwach und haltlos, nicht einfach nur heuchlerisch, sondern unmenschlich", schrieb Gorbatschow in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag für die "Washington Post". "Indem die USA den Kaukasus, der tausende Kilometer vom amerikanischen Kontinent entfernt liegt, zu einem Teil ihrer Interessen-Sphäre erklärt haben, haben sie einen groben Fehler gemacht." Russland versuche nicht, sich territorial auszuweiten, sondern habe in der Region "legitime Interessen".

Gorbatschow warf Georgiens Präsident Michail Saakaschwili vor, "unklug" gehandelt zu haben, als dieser am vergangenen Donnerstag seine Truppen mit einer Militäroffensive in der abtrünnigen Provinz Südossetien beauftragt habe. "Die georgischen Führer konnten dies nur mit dem Gefühl machen, von einer viel größeren Macht unterstützt und ermutigt zu werden", schrieb der Friedensnobelpreisträger mit Blick auf die USA. Er erinnerte daran, dass die georgischen Streitkräfte "von hunderten amerikanischen Ausbildern" trainiert worden seien. "Gepaart mit dem Versprechen eines NATO-Beitritts hat dies die georgischen Führer glauben lassen, dass sie einen schnellen Krieg in Südossetien führen könnten."


Russland bezeichnent einmarschierende Soldaten als "Aufklärer"

Die Regierung in Tiflis warf russischen Truppen am Dienstag (Ortszeit) vor, in mehrere georgische Städte eingerückt zu sein. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau bestätigte die Anwesenheit von Soldaten nahe des Schwarzmeerhafens Poti. Dabei habe es sich um "Aufklärer" gehandelt, die den Ort nach kurzer Zeit verlassen hätten. Russland sei nicht in Poti und auch nicht in andere Städte im georgischen Hinterland einmarschiert, sagte er.

Heute (Dienstag) treffen sich die Vertreter von 26 NATO- Regierungen auf Antrag der Regierung in Tiflis, die 1994 der NATO- "Partnerschaft für den Frieden" beigetreten war. Die georgische Außenministerin Eka Tkeschelaschwili will über die Lage berichten. NATO-Diplomaten erwarteten eine Erklärung, in der Russland zum Ende der Kampfhandlungen und zum Abzug aus Georgien aufgefordert wird.

Russische Verteidigungsministerium dementiert die Einnahme von Gori

Das russische Verteidigungsministerium dementierte die Einnahme von Gori gut 60 Kilometer vor Tiflis. Ein Ministeriumssprecher in Moskau sagte, die russische Armee dringe nur bis zu Stellungen vor, um weitere Angriffe auf die von Georgien abtrünnige Region Südossetien zu verhindern. Beobachter vermuten, dass Russland eine Pufferzone um das prorussische Südossetien errichten will.

Nach jüngsten Angaben des russischen Außenministeriums kamen in Südossetien bislang 1600 Menschen ums Leben. Georgien geht von deutlich weniger Opfern aus. Nach Angaben Saakaschwilis sind zehntausende Georgier auf der Flucht. Auch etwa 30.000 Südosseten sollen ihre Heimat verlassen haben. (dw/AFP/dpa)

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