Politik : Krieg in Afghanistan: Weltöffentlichkeit gesucht

Jürgen Hein

Islamabad. Es waren schreckliche Bilder, die ausländische Journalisten im Dorf Kuram im Osten Afghanistans zu sehen bekamen: Die Trümmer zerstörter Häuser, ein Arm, der aus einer Ruine ragt. Der Gestank von Verwesung lag in der Luft. Nach Angaben der Taliban wurde Kuram bei US-Angriffen zerstört; 200 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Schwerpunkt: Afghanistan
Schwerpunkt: Islam & Fundamentalismus
Schwerpunkt: Innere Sicherheit
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Aber es ist fraglich, ob diese Bilder auf die Weltöffentlichkeit eine ähnliche Wirkung haben werden wie die vom Februar 1991, als bei den US-Angriffen auf die irakische Hauptstadt Bagdad ein Bunker getroffen wurde. Mehrere hundert Menschen kamen damals ums Leben, und die Berichte darüber, die sofort in alle Welt übertragen wurden, erschütterten die Öffentlichkeit.

Diesmal dauerte es Tage, bis die ersten Bilder erschienen. Die Aufräumarbeiten waren schon fortgeschritten, viele Tote waren nach Aussage der Dorfbewohner bereits begraben. Für die Taliban rächt es sich jetzt, dass sie ausländische Medien jahrelang schikaniert und dem eigenen Volk das Fernsehen verboten haben.

Jeder Korrespondent, der Kabul besuchte, bekam einen "Übersetzer" an die Seite gestellt, der in Wirklichkeit ein Aufpasser war. Journalisten durften nicht mit Frauen sprechen und niemanden zu Hause besuchen. Gegen unliebsame Medien gingen die Taliban vor. Die Korrespondentin der britischen BBC wurde ausgewiesen. Kurz vor Beginn der US-Angriffe musste auch der Mann des US-Nachrichtensenders CNN Afghanistan verlassen.

Im Falle Kabuls haben die USA eingestanden, versehentlich ein Haus bombardiert zu haben. Über Kuram gibt es noch keine eindeutigen Erkenntnisse. Das Dorf liegt in der Nähe des Flughafens der Stadt Jalalabad. Die Bewohner sagen, in der Nacht zum Donnerstag seien Bomben eingeschlagen. 200 Menschen seien getötet worden und auch die Viehherden. Schon am nächsten Tag warfen die Taliban ihre Grundsätze über den Haufen. In ihrem Islamischen Emirat Afghanistan darf niemand Bilder von Lebewesen machen. Die Fotos in der westlichen Presse sind meist unter schwierigsten Umständen entstanden. Diskussionen über diese Regeln waren meist fruchtlos.

Die Taliban wiesen zum Beispiel jeden Journalisten auf die bittere Armut der Menschen in Kabul hin. Eine Genehmigung, diese Menschen auf dem Markt beim Einkaufen der wenigen Gemüsesorten zu fotografieren, gaben sie fast nie. Außenminister Wakil Ahmed Mutawakil gestand ein, wie wichtig Bilder für die Weltöffentlichkeit seien. Aus Angst vor der Religions- und Sittenpolizei der Taliban blieb es aber beim Fotoverbot.

Nach dem Angriff auf Kuram sollte sich das zumindest dort ändern. Die Botschaft der Taliban in Pakistan ging selbst auf Fernsehteams zu und lud sie ein, sich vor Ort ein Bild zu machen. Flüge gibt es aber nicht mehr. Die Fahrt über Land verzögerte sich zuerst, dann dauerte sie Stunden, schließlich trafen die TV-Leute am Sonntag in Kuram ein.

Das Bild der Verwüstung war noch zu erkennen. Aber wer die Toten waren und was genau sich zugetragen hatte, konnten die Journalisten nicht zweifelsfrei ermitteln.

Aber nicht nur, was die internationale Öffentlichkeit angeht, stehen die Taliban isoliert da, sondern auch in Bezug auf ihr eigenes Volk. Das Fernsehen hatten sie abgeschafft und unter Strafe gestellt. Ihr Rundfunksender "Shariat" ist nur noch in einigen Regionen zu hören. "Es gibt keine Kommunikation mehr zwischen den Taliban und der Bevölkerung", sagt ein afghanischer Medienspezialist. "Die Leute informieren sich über internationale Radiosender, die in den afghanischen Sprachen Paschtu und Dari senden."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben