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Krieg in der Ukraine : Poroschenko: Russisches Militär marschiert in Ukraine ein

Im Südosten der Ukraine spitzt sich der Konflikt zu. Russische Truppen sollen eine Grenzstadt eingenommen haben. Der Chef der Aufständischen gesteht offen ein, sie würden von russischen Soldaten unterstützt.

Bei Kämpfen zerstörte Eidenbahnbrücke.
Bei Kämpfen zerstörte Eidenbahnbrücke.Foto: Reuters

Das russische Militär hat nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit einer Invasion des Landes begonnen. Dies teilte das Präsidialamt in Kiew am Donnerstag mit. Zuvor wurde mitgeteilt, "russische Truppen" hätten eine wichtige ukrainische Grenzstadt im Südosten sowie mehrere umliegende Dörfer erobert. "Gestern übernahmen russische Soldaten die Kontrolle über Nowoasowsk", erklärte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat am Donnerstag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Rund um die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol im Süden der Ukraine spitzt sich die Lage seit Tagen immer mehr zu. Die ukrainische Führung wirft den Separatisten vor, hier eine „zweite Front“ zu eröffnen. Der ukrainische Außenminister Pavlo Klimkin habe schon mit seinen europäischen Amtskollegen Kontakt aufgenommen, wie es nun in der Ostukraine weitergehen soll.

Die Aufständischen teilten mit, mit Panzern die Stadt Nowoasowsk nahe Mariupol erreicht zu haben. „Die Befreiung der Stadt ist eine Sache von Tagen“, kündigte ein Separatistensprecher an. Die ukrainische Armee bereitet sich auf eine Offensive vor. „Wir formieren zwei Verteidigungslinien und graben uns ein“, sagte ein Militärsprecher. Die Region Mariupol am Asowschen Meer ist die Landverbindung zwischen Russland und der von Moskau im März einverleibten Halbinsel Krim.

In der Großstadt Donezk sind bei den schwersten Gefechten seit Tagen mindestens 16 Zivilisten getötet worden. Mehr als 20 Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen Armee und prorussischen Aufständischen verletzt, wie die Stadtverwaltung am Donnerstag mitteilte. Durch heftigen Artilleriebeschuss seien zahlreiche Wohnhäuser zerstört und die Wasserversorgung beschädigt worden.

Freiwillige auf Urlaub?

Der Chef der prorussischen Rebellen in der Ostukraine, Alexander Sachartschenko, hat bestätigt, dass russische Soldaten auf Seiten der Separatisten kämpfen. Die Soldaten hätten sich zu diesem Zweck beurlauben lassen, sagte er dem russischen Fernsehsender Rossija-24. „Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es unter uns viele Russen gibt, ohne deren Hilfe wir es sehr schwer hätten“, sagte Sachartschenko. „In unseren Reihen hat es etwa 3000 bis 4000 gegeben. Viele sind heimgefahren. Viel mehr sind aber geblieben. Leider gab es auch Tote.“

Bei den Russen handele es sich ausschließlich um Freiwillige. „Sie ziehen es vor, ihren Urlaub nicht am Strand, sondern Schulter an Schulter mit ihren Brüdern zu verbringen, die um die Freiheit des Donbass kämpfen.“ Zudem kämen viele frühere Berufssoldaten aus Russland. „Sie kämpfen mit uns, weil sie dies als ihre Pflicht verstehen“,
meinte der Separatistenführer.

Moskau hat Vorwürfe einer gezielten Militärhilfe für die Aufständischen bisher immer zurückgewiesen. Die Ukraine und die USA warfen Russland vor, mit Truppen weit auf ukrainischen Boden vorgedrungen zu sein. Die russischen Behörden prüfen nach eigenen Angaben Medienberichte über die Beerdigungen von mutmaßlich in der Ukraine getöteten russischen Fallschirmjägern. Entsprechenden Informationen werde derzeit von den zuständigen Behörden nachgegangen, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Erst nach eingehender Prüfung könnten "Schlüsse gezogen" werden.

Hollande: Nicht zu tolerieren

Frankreichs Staatschef François Hollande hat den möglichen Einsatz russischer Soldaten in der Ukraine als nicht hinnehmbar verurteilt. "Sollte sich erweisen, dass russische Soldaten sich auf ukrainischem Boden befinden, dann wäre das unerträglich und inakzeptabel", sagte Hollande bei einer außenpolitischen Grundsatzrede in Paris. "Russland muss die Souveränität der Ukraine respektieren, seine Unterstützung der Separatisten (im Osten des Landes) einstellen und sie dazu bringen, eine bilaterale Waffenruhe zu akzeptieren." Der Ukraine-Konflikt sei "eine der schwersten Krisen seit Ende des Kalten Krieges", sagte Hollande bei der alljährlichen Botschafterkonferenz in Paris. Frankreich und Deutschland seien bereit, ein neues Treffen zwischen Russlands Staatschef Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zu organisieren, "sobald die Voraussetzungen dafür gegeben sind".
Auch nach Darstellung einer ukrainischen Miliz werden die Separatisten aktiv von russischen Soldaten unterstützt. Die Aufständischen seien mit Hilfe der Soldaten in die südöstliche Stadt Nowoasowsk eingerückt, berichtete ein Kämpfer des regierungstreuen Asow-Bataillons am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Vor zwei Tagen sei unter der Flagge der separatistischen Volksrepublik Donezk militärische Ausrüstung in die Region gebracht worden, “aber es sind reguläre russische Truppen“. In dieser Woche wurden zehn russische Fallschirmjäger auf ukrainischem Gebiet gefangen genommen. Moskau erklärte, der Trupp sei aus Versehen auf ukrainisches Gebiet gelangt.

US-Botschafter: Russische Soldaten direkt beteiligt

Russland ist auch nach den Worten des US-Botschafters in Kiew unmittelbar an den Kämpfen in der Ostukraine beteiligt. "Eine zunehmende Zahl russischer Soldaten ist direkt an den Kämpfen auf ukrainischem Territorium beteiligt", schrieb der Botschafter Geoffrey Pyatt im Kurznachrichtendienst Twitter. Moskau sei "direkt involviert". Er bestätigte zugleich Nato-Angaben, wonach neueste russische Abwehrsysteme installiert wurden.
Erst kurz zuvor hatten die USA Russland vorgeworfen, offenbar eine Gegenoffensive der Rebellen in der Ostukraine zu "lenken".

Außenamtssprecherin Jen Psaki begründete diese Einschätzung unter anderem mit dem Eindringen russischer Soldaten in das Nachbarland. "Dieses Eindringen deutet darauf hin, dass es offenbar eine von Russland gelenkte Gegenoffensive in Donezk und Lugansk gibt." Die USA seien durch diese Entwicklung "tief beunruhigt". Psaki warf Moskau zudem vor, "nicht die Wahrheit sagen zu wollen, selbst nachdem russische Soldaten 30 Meilen (48 Kilometer) tief in der Ukraine entdeckt wurden".
Kiew wirft Russland seit Monaten vor, die prorussischen Separatisten im Osten des Landes mit Kämpfern und Waffen zu unterstützen. Am Mittwoch hatte die ukrainische Armee vermeldet, dass eine russische Militärkolonne mit hundert Panzern, Truppentransportern und Grad-Raketenwerfern auf ukrainischem Territorium unterwegs sei.

Luftabwehrsystem stationiert?

Nach Angaben eines Nato-Diplomaten wurde ein russisches Luftabwehrsystem in dem von den Separatisten kontrollierten Gebieten im Osten der Ukraine entdeckt. Es handele sich um ein SA-22-System, mit dem unter anderem Raketen der Gegenseite auf eine Entfernung von 20 Kilometern abgeschossen werden könnten. Der Nato-Diplomat, der anonym bleiben wollte, wies in Brüssel daraufhin, dass ein ähnliches System, SA-11, für den Absturz eines malaysischen Passagierflugzeuges über der Ostukraine verantwortlich gemacht wird. Dabei waren Mitte Juli alle 298 Insassen getötet worden.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat der ukrainischen Armee vorgeworfen, im Krieg im Osten des Landes zu wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. „Bei aller berechtigter Kritik an der russischen Seite - die Angriffe der ukrainischen Armee auf Großstädte sind unverhältnismäßig hart“, sagte der Präsident der Menschenrechtsorganisation, Tilman Zülch, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Deutsche Politiker hätten es versäumt, die ukrainische Regierung früh zu Autonomie-Zugeständnissen für die östlichen Gebiete und zu einem föderalistischen Staatsmodell zu drängen, sagte Zülch. „Deutschland ist in Kiew einflussreich und hätte seine Expertise und Erfahrung mit dem Föderalismus viel stärker einbringen müssen.“ (mit Reuters, dpa, AFP)

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