Krieg in Syrien : "Bombardements sind inzwischen an der Tagesordnung"

Eva Maria Fischer von der Hilfsorganisation Handicap International über den Einsatz von Explosivwaffen in Syrien, die hohe Zahl der Verletzten und deren Ängste.

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Auf den Rollstuhl angewiesen. Durch einen Luftangriff in Aleppo ist diese Frau verletzt worden.
Auf den Rollstuhl angewiesen. Durch einen Luftangriff in Aleppo ist diese Frau verletzt worden.Foto: Georges Ourfalian/AFP

Frau Fischer, nach Schätzungen der UN sind im Syrienkrieg nicht nur mehrere hunderttausend Menschen ums Leben gekommen, sondern es gibt auch eine Million Verletzte. Wie kommt es zu dieser hohen Zahl?

Laut einer unserer Studien wurde über die Hälfte dieser Menschen durch Einsätze von Explosivwaffen verletzt. Bombardierungen in dicht bevölkerten Gebieten sind in Syrien inzwischen leider an der Tagesordnung. Darunter leidet vor allem die Zivilbevölkerung. Bei jedem Angriff werden Menschen getötet oder verletzt – auch später noch durch die unzähligen Blindgänger.

Was bedeutet überhaupt „verletzt“?

Die Art der Verletzungen ist unterschiedlich. Explosivwaffen verursachen häufig komplizierte Brüche, schwere Wunden oder reißen den Betroffenen Gliedmaßen ab. Da jedoch die medizinische Versorgung in Syrien sehr schlecht ist – auch Krankenhäuser werden ja bombardiert –, können viele dieser Verletzungen nicht oder nur mangelhaft versorgt werden.

Mit welchen körperlichen Folgen haben die Menschen durch ihre Verletzungen zu kämpfen?

Fast 90 Prozent der durch Explosivwaffen verletzten Menschen leiden unter physischen Beeinträchtigungen, die oft ein Leben lang andauern. Das liegt natürlich auch an der schlechten medizinischen Versorgung. Wenn dieser Konflikt irgendwann zu Ende geht, wird eine große Zahl von Menschen bleiben, die mit Behinderungen leben müssen.

Und was ist mit psychischen Schäden?

80 Prozent der von uns Befragten zeigten eine hohe psychische Belastung. 66 Prozent fühlen sich aufgrund von Ängsten, Stress oder körperlicher und geistiger Erschöpfung nicht mehr dazu in der Lage, einfache Alltagsaktivitäten auszuüben. Solche schweren psychischen Belastungen werden durch den andauernden Krieg im Land oder die Fluchtsituation noch verstärkt. Unsere Unterstützung für die Menschen in und aus Syrien konzentriert sich also auch auf psychologische und soziale Betreuung.

Eva Maris Fischer ist Kampagnensprecherin von Handicap International. Die Hilfsorganisation kümmert sich seit 1982 um Verletzte und Behinderte in Kriegs- und Krisengebieten.
Eva Maris Fischer ist Kampagnensprecherin von Handicap International. Die Hilfsorganisation kümmert sich seit 1982 um Verletzte...Foto: Handicap International

Wie kann Ihre Organisation in einem Kriegsgebiet wie Syrien helfen?

Handicap International ist mit gut 600 Fachkräften für Flüchtlinge im Libanon, Jordanien, Irak und in Syrien selbst aktiv. Dabei arbeiten wir Hand in Hand mit anderen internationalen Hilfsorganisationen und lokalen Partnern. In Flüchtlingsunterkünften kümmern wir uns etwa darum, dass die Leistungen für Schutzsuchende auch für Menschen mit Behinderung und besonders Bedürftige zugänglich sind. In Syrien ergänzen wir in Krankenhäusern die medizinische Versorgung, sodass dauerhafte Behinderungen vermieden werden können. Außerdem leisten wir Nothilfe für Familien, die sich in besetzten oder nur schwer zugänglichen Gebieten befinden.

Aber humanitäre Hilfe wird in diesem Konflikt oft massiv behindert.

Genau deshalb rufen wir gemeinsam mit anderen Organisationen alle Konfliktparteien immer wieder dazu auf, die Belagerung von Städten sofort zu beenden und Zugang für Hilfe sicherzustellen.

Die Fragen stellte Christian Böhme.

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