Krieg in Syrien : Europa und Deutschland sind bei der Friedenssuche in der Pflicht

Seit fünf Jahren herrscht Krieg in Syrien. Jetzt soll ein neuer Anlauf für die Lösung des Konflikts genommen werden. Dabei ist vor allem Europa gefordert - und Deutschland. Ein Kommentar

Osama Abo Elezz
Die Waffenruhe macht's möglich: In Aleppo konnten vor einigen Tagen Menschen auf die Straße gehen, um gegen Assads Regime zu protestieren.
Die Waffenruhe macht's möglich: In Aleppo konnten vor einigen Tagen Menschen auf die Straße gehen, um gegen Assads Regime zu...Foto: Abdahlrhman/Reuters

Als ich vor fünf Jahren als Medizinstudent in eines der größten Krankenhäuser Aleppos kam, in dem ich heute als Chirurg arbeite, kümmerte ich mich um die ersten Verletzten, die der Antwort der Regierung auf die im März 2011 ausgebrochene Krise zum Opfer gefallen waren. Die Welt sah zu, wie diese Reaktion einen Konflikt auslöste, der inzwischen schätzungsweise 500.000 Todesopfer gefordert und Millionen Syrer in die Flucht getrieben hat. Mit 4,6 Millionen bilden Syrer heute den größten Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg. Das entspricht der addierten Einwohnerzahl von Hamburg, München und Köln.

Das Abkommen, das vergangenen Monat von den USA, Russland und anderen in München geschlossen wurde, könnte den Wendepunkt in dieser blutigen Katastrophe markieren. Sollte es allerdings gebrochen werden, wird sich die Krise wohl noch verschärfen und wieder unzählige Syrer zur Flucht zwingen. Das wäre der erneute Beweis für die Extremisten und Assad, dass die Welt ihnen gegenüber machtlos ist. Die Krise steht an einem Wendepunkt. Wir können jetzt eine echte politische Lösung für Syrien aushandeln oder das Land in den Abgrund stürzen.

Europa weiß, dass der Konflikt in Syrien kein weit entfernter Krieg mehr ist. Deutsche haben Syrern, die aus ihren zerstörten Häusern geflohen sind, ihre eigenen Türen geöffnet. Tag für Tag versorgen Europäer die auf den griechischen Inseln gelandeten Kriegsflüchtlinge mit Decken, Schuhen und medizinischer Hilfe. Wenn der Konflikt weitergeht, werden noch mehr Menschen ihre Heimat verlassen.

Nicht vor Russland einknicken

Da sich die USA aus der Führungsrolle zur Lösung der syrischen Krise zurückgezogen haben, fällt die Verantwortung nun der EU und damit auch Deutschland als ihrem größten Land zu. Der Name Angela Merkel ist fast schon zum Synonym für  moralisches Handeln im Umgang mit syrischen Flüchtlingen geworden, auch wenn der Kanzlerin dafür in Deutschland Gegenwind entgegenbläst. Sicherlich ist es richtig, Syrern in Europa Unterschlupf zu gewähren. Aber Europa muss auch mehr dafür tun, die Krise in dem Land zu lösen, aus dem sie fliehen.

Europa muss sicherstellen, dass die internationale Gemeinschaft vor den russischen Vorstellungen für eine politische Lösung in Syrien nicht einknickt. Ein Frieden, der Präsident Assad fest im Sattel hält, ist für die Mehrheit der Syrer inakzeptabel und wird keine Grundlage für eine dauerhafte Stabilität in der Region legen, die notwendig wäre, um den Flüchtlingsandrang zu beenden. Vor allem wird eine Vereinbarung, die Assad an der Macht hält, den Extremismus und damit letztendlich den "Islamischen Staat" stärken - ganz gleich, wie viele Bomben die USA oder Russland noch abwerfen.

Fragile Ruhe

Dank der derzeitigen Waffenruhe ist die Zahl der Luftangriffe auf Aleppo stark zurückgegangen. Zögernd öffnen die Geschäfte und spielen wieder Kinder in den Parks. Doch diese Ruhe ist sehr fragil, und die Europäische Union muss sicherstellen, dass sie von Dauer ist. Die EU muss auch dafür sorgen, dass Hilfslieferungen die zahllosen Bedürftigen ohne Vorbedingungen erreichen, insbesondere die Verhungernden in den belagerten Städten. Viel zu lange schon wurde zugelassen, dass die Kriegsparteien Hilfslieferungen blockieren, was täglich für Tausende Syrer den Tod bedeutet.

Allerdings kann kein Fortschritt an der humanitären Front politische Fortschritte ersetzen. Eine Besserung der humanitären Lage darf auch nicht als Deckmantel für weitere russische Angriffe auf Zivilisten herhalten. Ob sie von einer Bombe getroffen werden oder verhungern – für Syrer bedeutet beides einen brutalen und sinnlosen Tod.

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Fünf Jahre Bürgerkrieg in Syrien

Vorbild Ukraine

Die EU kann doch aus ihrer Erfahrung mit der Ukraine lernen: Russland muss unter Druck gesetzt werden, um seine taktischen Berechnungen zu ändern. Der Waffenstillstand in der Ukraine ist zwar bei weitem nicht perfekt, aber zweifelsohne haben die EU-Sanktionen die taktischen Überlegungen der Russen und damit ihre Unterstützung der Aufständischen verändert.

Allen Widrigkeiten zum Trotz haben die Syrer die Hoffnung auf die friedliche und würdige Zukunft nicht aufgegeben, die sie sich schon immer gewünscht haben. Diese Zukunft wird ihnen von der Krise zwar versperrt, doch die Hoffnung werden die Syrer trotz der ungezählten Toten und Vertriebenen niemals aufgeben.

Später einmal werden die führenden europäischen Politiker danach beurteilt werden, ob sie die Syrer in der Stunde ihrer Not geschützt oder zugelassen haben, dass Hunderttausende unschuldige Menschen abgeschlachtet wurden. Dieses Erbe entscheidet sich jetzt. Die Syrer fordern Bundeskanzlerin Merkel auf, die Chance zu ergreifen und dafür zu sorgen, dass Syrien einen echten politischen Prozess erhält, der die Grundlage für ein friedliches Land bilden kann. Und damit für Frieden in Syrien, für Stabilität in der Region und ein Ende der Flüchtlingskrise in Europa.

Der Autor ist Chirurg in einem Krankenhaus in Aleppo und Koordinator der „Syrian American Medical Society“ in Aleppo.