Politik : Krieg schlägt Castor

Klaus Wallbaum

Im Angesicht von Angst und Schrecken werden die Alltagssorgen auf einmal ganz klein und nebensächlich. Auch die Atomkraftgegner aus dem niedersächsischen Wendland haben das in dieser Woche zu spüren bekommen. Ihr Protest gegen den neuen Castor-Transport war früher ein sicherer Garant für bundesweite Aufmerksamkeit und eine heftige Polarisierung.

Aber diesmal ist alles anders: Der Krieg in Afghanistan, das Kriseln in der rot-grünen Bundesregierung und der Flugzeugabsturz in New York haben den Castor auf die hinteren Seiten und die späteren Sendeplätze verbannt. Das Thema ist auch nicht mehr so emotional besetzt wie sonst. Atomkraftgegner und -befürworter scheinen ihren "Dialog" versachlicht zu haben, zumindest wirkten die Angriffe der Protestierenden auf die Politik maßvoller als sonst, für die Erregung über das Gebaren der Demonstranten in bürgerlichen Kreisen gilt das ebenfalls.

Die Veranstalter von Anti-Castor-Demonstrationen räumen auch ein, dass der Zulauf aus allen Teilen der Bundesrepublik diesmal geringer war. Am Sonnabend, kurz vor dem Start des Transports in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague, sollte eigentlich im Raum Lüchow-Dannenberg eine Großdemonstration beginnen. Doch statt der erwarteten 10 000 Castor-Gegner kam nur etwa die Hälfte. Auch die Bauern im Wendland, die sonst stets zum Auftakt einer Castor-Tour zur Treckerdemonstration auffahren ("Stunk-Parade"), engagierten sich diesmal nicht. Als Grund geben die Initiatoren der Anti-Castor-Proteste an, dass es in anderen deutschen Städten just zur gleichen Zeit große Kundgebungen gegen den Krieg in Afghanistan gegeben hatte.

Die stille Hoffnung, die mancher Kernkraftgegner im Wendland gehabt haben möge, ging also nicht auf: Es gab zu diesem Castor-Transport kein großes Bündnis der Kriegs-, Atomkraft- und Globalisierungsgegner in Lüchow-Dannenberg. "Die Dinge sind wohl doch zu kompliziert und zu differenziert, als dass man unter einer Flagge auftreten möchte", sagt ein Teilnehmer der Proteste im Wendland.

Dass der Anti-Castor-Protest diesmal nicht die übliche Sogwirkung entfaltet, mag auch daran liegen, dass sich der Protest langsam abnutzt. Im Frühjahr, beim letzten Transport, gab es große Aufregung, einen teuren Polizeieinsatz und eine bewegte politische Diskussion. Aber schon im September wunderten sich viele, warum die Lüchow-Dannenberger erstmals nach vielen Jahren wieder einen Christdemokraten, der positiv zur Atomindustrie steht, zum Landrat wählten. Es mag ein Zeichen dafür sein, dass sich die Region langsam an das Atommüll-Zwischenlager in Gorleben gewöhnt hat. Nicht zuletzt sind die Protestler selbst in die Jahre gekommen. Im Mittelpunkt stand wie bisher die Losung, eine Region wolle sich gegen den Castor "x-tausendmal quer stellen". Sonderlich innovativ klangen diese Parolen angesichts der stark veränderten weltpolitischen Lage nicht.

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