Politik : Krieg spielen im Frieden

Paramilitärs heizen politisches Klima in Serbien an

Thomas Roser

Belgrad - Der Mann hat eine Mission: Er will entschlossen Widerstand leisten gegen jegliche Unabhängigkeitspläne des von Serbien wegstrebenden Kosovo: „Wir werden heiliges serbisches Land niemals aufgeben“, sagt Zeljko Vasiljevic. Auf der Wahlliste der Sozialisten (SPS) des verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic ist der gelernte Elektrotechniker mit seiner Kleinstpartei „Bewegung der Kriegsveteranen Serbiens“ als Abgeordneter ins nationale Parlament gelangt. Und für den seit 1999 international verwalteten Kosovo würde der Veteran des Kroatienkriegs auch wieder in die Schlacht ziehen. Keinesfalls wolle er außerhalb der staatlichen Institutionen operieren, beteuert der 44-jährige Patriot im Gespräch mit dem Tagesspiegel: „Aber wenn die Albaner den Kosovo für unabhängig erklären, wird unsere Garde Serbiens Armee und Polizei zur Seite stehen.“

„Garde des Heiligen Zar Lazar“ nennt sich die Freischärler-Organisation, die Vasiljevic mit seinen Mitstreitern im Mai dieses Jahres aus der Taufe hob. Die genaue Stärke der Truppe, als deren Namensgeber der auf dem legendären Amselfeld 1389 in der Schlacht gegen die Türken gefallene Serbenfürst Lazar dient, will der Parlamentarier nicht preisgeben. Die Gard rekrutiere sich aus „erfahrenen Veteranen“, habe keine festen Strukturen und „offiziell keine Waffen", doch sie könne auf 25 000 Sympathisanten in den Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien zählen, behauptet der selbsternannte Vaterlandsverteidiger.

Mit ihren Kriegsdrohungen macht die Lazar-Garde regelmäßig in der albanischen und serbischen Presse Schlagzeilen. Nüchterner beurteilt indes Zoran Dragisic, Professor für Militärfragen an der Universität Belgrad, ihre tatsächliche Stärke. Ihren harten Kern schätzt er allenfalls auf ein paar Dutzend Aktivisten. Zwar behaupteten die Lazar-Jünger, sie hätten Waffen und „hochkarätige Militärs“ in ihren Reihen. Doch gesehen habe man diese noch nie. Einige Garde-Aktivisten seien Alkoholiker, andere „Verwirrte“, die ins Gefängnis „oder noch eher in Behandlung“ gehörten.

Dennoch, sagt Dragisic, sollte der serbische Staat die Veteranen-Organisationen und Verbände früherer Paramilitärs „genau im Auge“ behalten, die sich oft aus kriminellen Gruppen rekrutierten. In deren Kreisen kursierten noch stets Pläne für einen Staatsstreich: „Die Milizen haben nicht nur im Krieg viel Unheil angerichtet, sondern auch zahlreiche politische Morde auf dem Gewissen.“

Doch auch wenn die Lazar-Garde nach Ansicht des Militär-Experten ihre kriegerischen Drohungen kaum wahr machen kann, schadet sie seiner Meinung nach Serbiens Interessen. Ihr Gepolter sei eine Argumentshilfe "für die Propaganda der Kosovo-Albaner" und eine willkommene Rechtfertigung für die Extremisten der Albanischen Nationalarmee (ANA), die für die Vereinigung der albanischen Gebiete in Kosovo, Mazedonien und Südserbien streitet. Der kosovarische Fernseh-Sender RTK zeigte vergangene Woche Aufnahmen maskierter und schwer bewaffneter ANA-Kämpfer bei vermeintlichen Auto- und Personenkontrollen. Seine Gruppe sei bereit, „jede serbische Invasion abzuwehren“, bekundete ein vermummter ANA-Aktivist vor der Kamera. Thomas Roser

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