• Kriegerischer Fanatismus: Zweifeln statt glauben - das müsste eine religiöse Tugend sein

Kriegerischer Fanatismus : Zweifeln statt glauben - das müsste eine religiöse Tugend sein

Viele Kriege werden im Namen des Glaubens geführt. Seine Absolutheit ist es, die den Missbrauch erst möglich macht. Dabei müsste eigentlich der Zweifel als die gottgefälligste aller Tugenden verehrt werden. Ein Essay.

Hans-Dieter Gelfert
Bereit zum Sterben. Ein islamischer Terrorist. Foto: AFP
Bereit zum Sterben. Ein islamischer Terrorist.Foto: AFP

Die apokalyptischen Reiter Hunger, Krieg, Niedergang und Tod, die Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich so eindrucksvoll dargestellt hat, sind der Inbegriff von Geißeln der Menschheit. Doch nur der Krieg verdient eine solche Bezeichnung. Der Hunger wird durch Fortschritte in der Landwirtschaft stetig zurückgedrängt und könnte durch gerechtere Verteilung der vorhandenen Nahrungsmittel schon jetzt besiegt werden; Krankheiten werden in zunehmendem Maße durch die moderne Medizin geheilt; und selbst der vierte Reiter, der Tod, erschreckt uns nur gefühlsmäßig, denn die Vernunft sagt uns, dass ohne ihn die Biosphäre längst an sich selbst erstickt wäre. Warum schaffen es die Menschen dann nicht, den Krieg ebenso entschieden wie Hunger und Krankheit zu bekämpfen?

Die vier apokalyptischen Reiterinnen

Der Grund ist, dass er von vier apokalyptischen Reiterinnen angestachelt wird, die weit mehr Unheil über die Menschheit gebracht haben als das (grammatikalisch) männliche Quartett. Sie heißen Rasse, Nation, Religion und Utopie. Alle vier haben miteinander gemein, dass sie von einem Glauben angetrieben werden, der gegen den Zweifel immun macht. Das Elend, das der Rassenwahn über die Menschheit gebracht hat, braucht man in Deutschland nicht näher zu beschreiben, da es sich hier tief in das nationale Gedächtnis als Schuld- und Schamgefühl eingebrannt hat. Dagegen hat das Wort Nation bei uns inzwischen wieder einen positiven Klang. Selbstverständlich ist nicht zu bestreiten, dass durch nationale Einheit überhaupt erst große Kollektivleistungen möglich wurden. Ebenso wenig lässt sich aber leugnen, dass unzählige Kriege im Namen der Nation geführt wurden. Auch heute noch lauert hinter „gesundem“ Nationalgefühl immer die apokalyptische Reiterin, die als Geißel den Glauben an die nationale Überlegenheit schwingt.

Die dritte Reiterin, die Religion, wird vom Zweifel am wenigsten gehemmt. Dabei hätte sie allen Grund dazu, beruft sie sich doch auf eine Autorität, von der sich nicht einmal die Existenz beweisen lässt. Wenn man im Alten Testament liest, wie die Israeliten bei verschiedensten Anlässen im Namen Gottes aufgefordert werden, die Frauen und Kinder ihrer Gegner zu töten, fragt man sich als ehemaliger Konfirmand, weshalb man aus dem Mund von Kirchenleuten dazu nie eine Erklärung, geschweige denn eine Entschuldigung gehört hat. Unser heutiges Christentum, bei dem das Zahlen der Kirchensteuer kaum noch von wirklichem Gottesglauben begleitet wird, ist „Gott sei dank“ zu einer milden, wenn auch weniger mild praktizierten Ethik der Nächstenliebe abgekühlt, so dass davon kaum noch Gewalttaten zu befürchten sind.

Kämpfer der Isis im Irak. Foto: dpa
Kämpfer der Isis im Irak.Foto: dpa

Doch das, was radikale Islamisten tun, unterscheidet sich in keiner Weise von dem, was vor ein paar Jahrhunderten die Christen taten, als sie Hexen und Ketzer verbrannten, gegen Ungläubige und Abweichler in den eigenen Reihen Krieg führten und im Namen Gottes ganze Völker unterjochten. Das Beruhigendste am aufgeklärten Christentum ist, dass man es kaum noch als Religion bezeichnen kann. Es ist im Vergleich mit seinen früheren Ausprägungen eine leidlich tolerante Mischung aus Rationalität und Glaubensresten, wobei es einem Christen, wie den Vertretern jeder anderen Religion, schwerfallen dürfte zu erklären, wieso der eigene Glaube etwas prinzipiell Anderes sein soll als irgendein Aberglaube. Andererseits verdanken wir der Religion außer den Strömen von Blut, die in ihrem Namen vergossen wurden, großartige Kunstwerke, auf die selbst ihre Gegner ungern verzichten würden.

Der Weg zur Gewalttat ist mit Idealen gepflastert

Nicht weniger Blut wurde in neuerer Zeit im Namen utopischer Gesellschaftsentwürfe vergossen. Die Utopie einer besseren Welt gilt trotzdem auch heute noch als etwas Gutes. Solange sie nur der Orientierung dient, richtet sie keinen Schaden an und motiviert sogar zu gutem Handeln. Doch sobald Utopisten daran gehen, ihren Traum zu verwirklichen, ist Gewalt nicht fern. Im Grunde ist eine politische Utopie nichts anderes als eine säkulare Religion und damit der gleichen Gefahr wie diese ausgesetzt. Nicht alle utopischen Bewegungen führten zu so primitiver Barbarei wie die von Pol Pot, doch so gut wie alle glaubten das Recht zu haben, ihre Ideale auch mit Gewalt zu verwirklichen. Der Weg zur Gewalttat ist mit den Idealen gepflastert, die von ihren Propagandisten mit Füßen getreten wurden.

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