Kriegsalltag in Syrien : Neues Leben in Aleppo – mit dem Tod vor Augen

In Aleppo spielt sich ein Drama ab: Bomben und Hunger setzen den Menschen zu. So wie Hadeel Kharboutly und ihrem Mann. Die Schwangere hat große Angst um ihr Baby.

von und Jan Dirk Herbermann
Die ehemalige Wirtschaftsmetropole Aleppo ist in weiten Teilen zerstört. Foto: REUTERS
Die ehemalige Wirtschaftsmetropole Aleppo ist in weiten Teilen zerstört.Foto: REUTERS

Hadeel Kharboutly ist hochschwanger und hat nur einen Wunsch. Sie möchte am liebsten ihr Kind in einer sicheren Umgebung zur Welt bringen. Und ihm später ein normales Leben bieten. Doch ob sich dieser Wunsch erfüllt, ist derzeit mehr als fraglich. Denn Kharboutly lebt in Aleppo. Jener syrischen Stadt, die zu großen Teilen von der Außenwelt abgeschnitten ist. Der früheren Wirtschaftsmetropole, in der Not, Gewalt und Furcht den Alltag prägen.

Die 30-Jährige weiß nicht, ob sie bei der Geburt ausreichend versorgt werden kann. „Finde ich noch eine nicht zerstörte Klinik, wenn es losgeht?“, fragt sie sich ständig. Wird dieses Krankenhaus dann über Elektrizität verfügen? Ganz abgesehen davon, dass es ihrer Kenntnis nach kaum noch funktionierende Inkubatoren gibt. Und: Wie geht es danach weiter? „Wo bekomme ich Milch und Windeln her? Es gibt kaum welche und wenn, sind sie viel zu teuer“, berichtete die Syrerin vor wenigen Tagen ihrem Arbeitgeber, den SOS-Kinderdörfern weltweit. Für die Hilfsorganisation leitet Kharboutly eine Nothilfe-Kita in Aleppo.

Diktator Assad hat alle Zufahrtswege absperren lassen

Dort sehnen sich alle Menschen nach Normalität. Die ist jedoch so weit entfernt wie Syrien vom Frieden. Allein in den abgeriegelten, nach wie vor von Aufständischen und dschihadistischen Milizen kontrollierten Stadtteilen Aleppos leben schätzungsweise 300000 Menschen. Niemand kommt hinein, niemand kommt hinaus. Einheiten des Regimes von Machthaber Baschar al Assad haben mit russischer Militärhilfe alle Zugangswege abgesperrt. Eine Gegenoffensive der Rebellen ist ins Stocken geraten. Und die Angriffe aus der Luft gehen unvermindert weiter. Immer wieder werden entgegen dem Völker- und Kriegsrecht Kliniken, Schulen und Märkte beschossen – obwohl Moskau und Damaskus beteuern, ausschließlich Stellungen etwa der islamistischen Nusra-Front anzugreifen und sogenannte Fluchtkorridore für Zivilisten eingerichtet haben.

Hadeel Kharboutly und ihr Mann leben in Aleppo und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Foto: SOS-Kinderdörfer
Hadeel Kharboutly und ihr Mann leben in Aleppo und wissen nicht, wie es weitergehen soll.Foto: SOS-Kinderdörfer

Doch bisher haben offenbar nur einige hundert Eingeschlossene das Angebot angenommen. Weil viele glauben, dies sei nichts als Propaganda. Sie fürchten sogar, es könnte sich um eine tödliche Falle handeln. Der Diktator hat häufig eine Menge zugesichert – freies Geleit, Begnadigung, Amnestie – und seine Versprechen später gebrochen. Die Aufständischen scheinen ebenfalls alles daranzusetzen, die Menschen an der Flucht zu hindern. Deshalb sind die Bewohner von Ost-Aleppo anscheinend sogar bereit, das Elend weiter zu ertragen. Ihre Vorräte werden wohl schon in einigen Wochen aufgebraucht sein. Deshalb warnen die UN und Hilfsorganisationen, es drohe eine Hungersnot.

Kevin Kennedy, der „Regionale Humanitäre Koordinator der UN für die Syrien-Krise“, sagte dem Tagesspiegel am Freitag, die Menschen brauchten Hilfsgüter wie Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente. Und: „Sie leiden unter einem riesigen Mangel an medizinischem Personal. Etliche Mediziner sind geflohen oder starben in dem Krieg.“

UN fordern 48 Stunden Feuerpause pro Woche

Zwar sei nach Informationen der UN in Aleppo bisher niemand verhungert. Doch die Lage werde immer dramatischer. „Noch gibt es Lebensmittel-Vorräte im Osten Aleppos für rund 150.000 Menschen für drei Wochen.“ Kennedy fordert: „Wir brauchen ungehinderten Zugang zu allen Menschen, die Hilfe brauchen. In Aleppo sollten für 48 Stunden pro Woche die Waffen schweigen. Dann könnten wir Güter hineinbringen und Menschen könnten herauskommen.“ Die Diskussionen darüber mit den Konfliktparteien dauerten an.

Kharboutly sagt, sie lebe glücklicherweise in einem Viertel, „wo derzeit nicht zu sehr gebombt wird“. Sie wohnt in einem von der Regierung gehaltenen Gebiet der Stadt. Die Versorgungslage sei allerdings auch dort katastrophal. „Gemüse ist zwar noch zu bekommen. Aber es gibt kaum sauberes Wasser. Fleisch habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Und wenn es welches gäbe, könnten wir es uns nicht leisten.“

Doch selbst wenn Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen und in ausreichender Menge vorhanden wären – ein Einkauf bedeutet immer Lebensgefahr. „Wir müssen eigentlich auf den Markt. Dort ist es allerdings sehr unsicher. Oft gehen Granaten nieder und töten Menschen“, sagt Kharboutly. So ist die Angst allgegenwärtig. Auch bei der jungen, schwangeren Frau. „Ich kann den Tag vor gut einem Monat nicht vergessen: Mein Mann und ich gingen zu einem Supermarkt in einem Nachbarviertel. Als wir hinkamen, war gerade eine Granate explodiert – mitten im Einkaufzentrum. Viele Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Wenn wir nur fünf Minuten früher losgelaufen wären, wären wir auch tot.“

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Experten sind sich einig, dass in Aleppo eine Art Entscheidungsschlacht tobt. Assad setzt alles daran, die ganze Stadt wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es wäre ein Sieg, der seine neue Macht demonstrieren und den Anspruch untermauern würde, das gesamte Land zu beherrschen. Fiele Aleppo, es wäre womöglich das Ende der Revolte gegen den Machthaber, die 2011 begann. Nicht nur militärisch, sondern auch politisch.

Bei den Friedensgesprächen in Genf gäbe es nichts mehr, worüber verhandelt werden könnte. Warum sollte sich das Regime noch kompromissbereit zeigen? Und worauf könnte die Delegation einer zermürbten Opposition überhaupt noch dringen? Das alles spricht für Assad – und die islamistischen Gruppen. Gerade die Nusra-Front, die sich erst vor Kurzem aus taktischen Gründen von Al Qaida losgesagt hat, gilt Beobachtern zufolge als eigentlicher Profiteur des Dramas um Aleppo. Luftschläge, Belagerungen und Hilflosigkeit – all das nutzt den Radikalen. In den vergangenen Monaten soll es der Nusra-Front gelungen sein, einige tausend Mitglieder zur rekrutieren. Das erklärte Ziel der Dschihadisten: ein islamisches Emirat namens Syrien.

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