Politik : "Kriegsgeschehen 2000": Krieg - der gelebte Alltag

Gustav Trampe

Die Friedens- und Konfliktforschung erlebte ihre Blütezeit während des Kalten Krieges. Es galt Vorkehrungen gegen die drohende atomare Apokalypse zu treffen. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes ist es stiller um sie geworden. Aber überlebt hat sie sich deshalb nicht. Nur haben sich ihre Schwerpunkte verändert, so wie die internationale Sicherheitslage sich von Grund auf verändert hat. Inzwischen droht nicht mehr der eine große Krieg, dafür nimmt die Zahl der vielen kleineren kriegerischen Auseinandersetzungen zu.

Wer heute von Krieg und Frieden spricht, muss vor allem von der Dritten Welt und ihren Konflikten sprechen und von der Gefahr, die von ihnen auch für die Industrienationen ausgeht. Schlagartig haben dies die schrecklichen Terrorakte in New York und Washington vor Augen geführt. Der wachsende und immer brutaler werdende internationale Terrorismus ist Folge und Begleiterscheinung einer Welt, die an ihren Rändern immer mehr aus den Fugen gerät.

Das ist auch die bittere Erkenntnis der jüngst unter dem Titel "Das Kriegsgeschehen 2000" von der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung der Hamburger Universität vorgelegten Studie. Sämtliche 35 Kriege und zwölf bewaffneten Konflikte, die die Publikation für das Jahr 2000 auflistet, fanden in Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Die von Kriegswirren verschonten Industrienationen tauchen nur als Waffenlieferanten auf.

Der verlorene Kontinent

Wieder einmal stellt sich Afrika dabei als der "verlorene Kontinent" vor. Mit 13 Kriegen ist er der am meisten geplagte Erdteil. Er muss sich auch mit dem Bürgerkrieg in Angola den am längsten anhaltenden Konflikt zurechnen lassen. Vom 15-jährigen Befreiungskrieg gegen die portugiesische Kolonialherrschaft schlitterte das Land übergangslos in den nun schon 27 Jahre andauernden Bürgerkrieg zwischen den beiden rivalisierenden Befreiungsbewegungen MPLA und Unita, der während des Kalten Krieges Züge eines Stellvertreterkrieges zwischen Ost und West annahm, um heute nach dem Ende des ideologischen Zeitalters als reiner Beutefeldzug um die ökonomischen Ressourcen des Landes, um Diamanten und Erdöl, weitergeführt zu werden. Der Krieg als gelebter Alltag, als gesellschaftlicher Naturzustand. Wie zur Bestätigung von Thomas Hobbes, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist - homo homini lupus.

Nach Afrika folgen Asien mit elf, der Vordere und Mittlere Orient mit neun und Lateinamerika mit zwei Kriegen. Auch darunter viele Dauerkonflikte wie der mittlerweile 35-jährige Guerillakrieg in Kolumbien, dem Jahr für Jahr zwischen 25 000 und 30 000 Menschen zum Opfer fallen.

Oder der Bürgerkrieg in Afghanistan zwischen den Gotteskriegern der Taliban und der Nordallianz, der vom Opiumhandel lebt und nur noch Schlagzeilen macht, wenn Mitglieder westlicher Hilfsorganisationen eingesperrt oder jahrtausendealte Buddhastatuen im Namen des Islam zerstört werden. Oder wenn der Terrorist Osama bin Laden, dem die Taliban nach eigenen Worten nur freundliches "Gastrecht" in ihrem Land gewähren, als mutmaßlicher Drahtzieher der jüngsten Terroranschläge in den USA genannt wird.

Nach Auffassung der Hamburger Forscher überschritten auch die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern 2000 nach Jahren wieder die Kriegsschwelle. Wer möchte dieser Einschätzung nach der weiteren Eskalation der vergangenen Monate widersprechen, auch wenn die Politik den Begriff Krieg noch immer scheut. Dagegen werden die Auseinandersetzungen auf dem Balkan umgekehrt vom Krieg zum bewaffneten Konflikt zurückgestuft. Gleichzeitig warnt die Studie aber vor den erheblichen Gefahren, den der ungeklärte völkerrechtliche Status des Kosovo birgt. Das Ziel, ein multiethnisches Zusammenleben in der Provinz wiederherzustellen, halten die Hamburger Autoren für illusorisch.

Die Hamburger Studie zeichnet sich durch präzise Recherchen aus und eignet sich vorzüglich als Nachschlagewerk. Neben einer aufschlussreichen Analyse der Entwicklung und der Tendenzen des Kriegsgeschehens seit 1945 beschreibt sie in ausführlichen Einzelberichten sämtliche Kriege und bewaffneten Konflikte, die im Jahr 2000 registriert wurden.

Gescheiterte humanitäre Intervention

Dabei wird eine auffällige Gemeinsamkeit herausgearbeitet, dass es sich nämlich in fast allen Fällen um Bürgerkriege handelt und nur ausnahmsweise um zwischenstaatliche Konflikte. Unterschiedliche Ethnien, Stämme oder Religionen prallen aufeinander, manchmal sind aber auch nur Banditen, Terroristen oder Warlords am Werk, wie noch immer in Somalia, wo 1993 die erste "humanitäre Intervention" so kläglich scheiterte.

Natürlich stellt sich die Frage nach den Gründen für die Häufung dieser Auseinandersetzungen gerade in der Dritten Welt. Gibt es einen ursächlichen strukturellen Zusammenhang zwischen diesen Konflikten? In Hamburg sieht man ihn vor allem in dem schwierigen gesellschaftlichen Transformationsprozess, dem die Entwicklungs- und Schwellenländer im Zuge der Modernisierung ausgesetzt sind, ein Prozess, in dem althergebrachte Traditionen mit modernen westlichen Werten zusammenstoßen. Oder wie der Doyen der deutschen Friedensforschung, Dieter Senghaas, es einmal auf den Punkt gebracht hat: "Gesellschaften, die Modernisierungsschüben ausgesetzt sind, geraten in diesem Prozess mit sich selbst in Konflikt." Und er sieht nur in einer "Zivilisierung wider Willen" einen Ausweg aus der Krise. Das kann dauern, wenn man den langen Zivilisierungsprozess Europas bedenkt.

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