Kriegspropaganda : "Das war eine komplette Erfindung"

Prominente US-Soldaten, wie die im Irak stationierte Jessica Lynch, haben der Armeeführung vorgeworfen, sie mit unwahren Geschichten zu Helden der Einsätze im Irak und in Afghanistan stilisiert zu haben.

Washington - "Ich bin noch immer bestürzt darüber, dass sie entschieden haben zu lügen und mich zu einer Legende zu machen", sagte die US-Soldatin Jessica Lynch bei einer Anhörung vor dem Kongress in Washington. Lynch war der US-Öffentlichkeit nach ihrer Befreiung aus irakischer Kriegsgefangenschaft 2003 als heldenhaftes "Rambo-Mädchen" präsentiert worden. Die Armee berichtete damals, sie habe in zäher Gegenwehr ihr ganzes Magazin leergeschossen, ehe sie verschleppt wurde.

"Das war nicht wahr", sagte Lynch nun. Sie habe keine Schüsse abgegeben, sondern sei nur in einem Lastwagen mitgefahren. Während sie nach ihrer Befreiung durch ihre Verletzungen außer Gefecht gesetzt gewesen sei, seien Geschichten über ihr Heldentum verbreitet worden. Sie sei gegen ihren Willen als Heldin präsentiert worden. "Die Geschichte des Krieges ist nie einfach. Aber die Wahrheit ist immer heldenhafter als der Schwindel", kritisierte Lynch.

Ex-Football-Star starb durch versehentlichen US-Beschuss

In einem weiteren Fall ging es um den Tod des früheren Football-Stars Pat Tillman in Afghanistan. Der Silver Star, die dritthöchste Auszeichnung für Taperkeit im Kampf, wurde Pat Tillman posthum verliehen, Präsident George W. Bush zollte dem Patrioten in einer Erklärung Respekt, "Unser Held" hieß es in fetten Lettern auf den Titelseiten vieler Zeitungen. Sein Bruder Kevin erklärte vor dem Ausschuss, seiner Familie sei die Unwahrheit über den Tod des Bruders erzählt worden. Die US-Armee hätte angegeben, Pat habe bis zum Schluss heldenhaft gekämpft, bevor er vom Feind durch einen Kopfschuss getötet worden sei. "Das war eine komplette Erfindung", sagte Tillman. Tatsächlich wurde der 27-Jährige irrtümlich von eigenen Kameraden erschossen. Einzelheiten dieses Täuschungsmanövers wurden in einer Anhörung im US-Kongress bekannt. Dabei sagte ein Kamerad Tillmans aus, ihm sei von höherer Stelle befohlen worden, über den wahren Ablauf zu lügen.

Angehörige des Toten beschuldigten das US-Militär und das Pentagon in dem Hearing, das Schicksal des Soldaten für politische Zwecke missbraucht zu haben. Ziel sei es gewesen, negative Schlagzeilen über den Antiterrorkrieg zu verhindern, sagte der Bruder des Toten, Kevin Tillman. "Wir sind alle betrogen worden", sagte auch Mutter Mary Tillman unter Tränen. "Die Wahrheit hätte uns nicht mehr schmerzen können als später die Erkenntnis, dass wir belogen wurden."Der demokratische Abgeordnete Henry Waxman beschuldigte die Regierung, Kampfereignisse mit sensationellen Details und Geschichten aufzubauschen. Die Anhörungen sollten der Beginn für Richtigstellungen sein. "Das Mindeste, das wir unseren tapferen Männern und Frauen, die für unsere Freiheit kämpfen, schulden, ist die Wahrheit", sagte der Demokrat.

Lückenlose Aufklärung dringend erforderlich

Das Abgeordnetenhaus will nun genau klären, wer wann was wusste - und warum gelogen wurde. Das Pentagon selbst hatte nach einer eigenen Untersuchung im März erklärt, die "Fehlinformation" sei auf "prozedurale Fehler" zurückzuführen. Das hält nicht nur die Tillman- Familie für absurd, sondern auch die Exsoldatin Jessica Lynch, die einst ebenfalls für Public-Relations-Zwecke benutzt wurde und in dem Hearing aussagte. (tso/AFP/dpa)

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