Politik : Kriegsschauplatz Moskau

Der Tschetschenien-Konflikt ein Jahr nach dem Geiseldrama

Elke Windisch[Moskau]

Das Konzerthaus ist – zumindest innen – nach der Generalüberholung nicht wiederzuerkennen. Die Truppe selbst ist auf Tournee, und eine Gruppe von Angehörigen der Opfer prozessiert durch die Instanzen, um die Moskauer Stadtregierung zur Zahlung von Entschädigungen zu zwingen, wie sie in Russland bisher nicht üblich sind: bis zu eine Million Dollar für jede der Geiseln, die den Besuch der Aufführung mit dem Tod bezahlte.

Die Bilder des Moskauer Geiseldramas, das heute vor einem Jahr begann, hielten die Welt drei Tage lang in Atem. Ebenso der Sturm auf das Musical-Theater, bei dem Spezialeinheiten des russischen Geheimdienstes Kampfgas durch die Belüftungsanlagen bliesen. Die meisten der 129 Toten gehen auf das Konto dieser Aktion und der chaotischen Evakuierung. Die Notärzte hatten weder verlässliche Informationen über die Zusammensetzung des Kampfstoffes noch ein wirksames Gegengift, viele Opfer wurden zudem erst nach Stunden in die Krankenhäuser eingeliefert.

Doch der erste Jahrestag der Tragödie spielt in Russland bei den Medien eine eher untergeordnete Rolle – und deshalb zwangsläufig auch in der Öffentlichkeit. Obwohl ein paar äußerst brisante Grundfragen nach wie vor offen sind. So brisant, dass die Kreml- nahe Mehrheit den von der Opposition geforderten unabhängigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss verhinderte: Wie konnte es dazu kommen? Sind Wiederholungen möglich? Und: Kann und darf ein Staat, der sich weitgehend unwidersprochen als Demokratie bezeichnet, so mit seinen Bürgern umspringen? Das aber waren nicht nur die getöteten Geiseln, sondern auch die Geiselnehmer, von denen die meisten, bereits betäubt und zu Widerstand gar nicht mehr in der Lage, durch Genickschuss ins Jenseits befördert wurden. Selbstjustiz, um die in Tschetschenien gefallenen Kameraden zu rächen? Bürgerrechtler gehen für die zehn Jahre, die der Krieg im Kaukasus nunmehr dauert, von bis zu 20 000 toten russischen Soldaten aus. Mehr, als in dem mörderischen Afghanistanfeldzug in den 80er Jahren.

Ein Ende ist nicht abzusehen. Schon gar nicht nach dem umstrittenen Friedensprozess in der Rebellenrepublik, als dessen erfolgreichen Abschluss der Kreml die „Wahl“ seines Hoffnungsträgers Ahmad Kadyrow zu verkaufen suchte. Eine Farce, an der sich nach Angaben unabhängiger Beobachter nicht 90, sondern maximal 25 Prozent der Stimmberechtigten beteiligten. Der angeblich erreichte Konsens steht daher auf mehr als wackeligen Füßen. Zumal die Separatisten außen vor blieben und damit jeder legalen Artikulationsmöglichkeit beraubt sind.

Dazu kommt, dass mit Untergrundkämpfern nur schwer fertig zu werden ist. In einem Guerillakrieg, wie Moskau ihn den Tschetschenen aufzwang, gibt es keine Fronten – ein Phänomen, dem mit verstärkten Straßenposten und Ausweiskontrollen bei Passanten mit kaukasischen Gesichtszügen nicht beizukommen ist.

Kaum ein Tag vergeht ohne Meldungen über Anschläge, größere und kleinere, in Tschetschenien wie in den anderen Teilrepubliken im Nordkaukasus. Und zunehmend kehrt der Krieg dorthin zurück, wo er seinen Anfang nahm: nach Moskau. Zunehmend mit Kampfmethoden, die aus dem Arsenal der Gotteskrieger im Nahen Osten stammen: Selbstmordattentäter – zuletzt fast ausschließlich Frauen – die möglichst viele Unbeteiligte mit in den Tod reißen wollen. Wenn Moskau – inzwischen wohl zu Recht – von Verbindungen zwischen dem extremen Flügel der Separatisten zu internationalen Terror-Netzwerken spricht, wird dabei bewusst unterschlagen, dass der Schulterschluss in erster Linie Ergebnis der eigenen verfehlten Kaukasuspolitik ist.

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