Kriegsverbrechertribunal : Frühere Serbenführerin vorzeitig frei?

Zum Beginn des Prozesses gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic am kommenden Montag vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag könnte seine wegen Kriegsverbrechen verurteilte Nachfolgerin Biljana Plavsic nach sechs Jahren Haft im Frauengefängnis bereits wieder frei sein.

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Foto: dpaPool/ANP

Stockholm - Zum Beginn des Prozesses gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic am kommenden Montag vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag könnte seine wegen Kriegsverbrechen verurteilte Nachfolgerin Biljana Plavsic nach sechs Jahren Haft im Frauengefängnis Hinseberg in Mittelschweden bereits wieder frei sein: Schwedens Rechtspraxis ermöglicht ihre Freilassung wegen guter Führung nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haftzeit, der Gerichtshof in Den Haag wäre damit einverstanden. Bosnische Volksvertreter reagierten darauf mit Bestürzung.

Plavsic war 2003 vor dem Kriegsverbechertribunal zu elf Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden und hatte dann darum ersucht, die Strafe in Schweden absitzen zu dürfen. So könnte sie am 27. Oktober dieses Jahres freikommen, statt erst Anfang 2012.

Muslime in Bosnien waren für die heute 79-jährige „genetische Missbildungen auf dem serbischen Körper“ und diese auszumerzen, sei für sie kein Kriegsverbrechen, hatte Plavsic im Prozess gesagt. Sie selbst soll niemanden ermordet haben, war aber Mitglied des Oberkommandos der bosnisch-serbischen Streitkräfte und trug als Stellvertreterin und Nachfolgerin Karadzics und enge Verbündete von Slobodan Milosevic deren Entscheidungen mit, die 1995 im Massaker von Srebrenica gipfelten, bei dem 8000 zumeist muslimische Bosnier hingerichtet wurden.

1998 wurde Plavsic wegen Völkermord angeklagt und hatte sich 2001 freiwillig gestellt. Der heutige schwedische Außenminister Carl Bildt, der an den serbischen Friedensverhandlungen beteiligt war, bezeugte für Plavsic, dass sie sich dabei kooperativ verhalten habe. Dann gestand Plavsic unerwartet, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben: Sie gebe zu, „dass mehrere tausend unschuldige Menschen Opfer organisierter und systematischer Aktionen waren, (…) Muslime und Kroaten aus einem Gebiet zu entfernen, das Serben als ihres betrachten.“ Daraufhin wurde Plavsic zu nur elf statt zu 20 bis 25 Jahren verurteilt.

In der schwedischen Zeitung, „Vi“ gab Plavsic im Januar zu, nur gestanden zu haben, um die Strafe zu verkürzen. „Ich habe es hier schlimmer als der Nazi Albert Speer es im Spandauer Gefängnis hatte. Er hatte zumindest einen eigenen Garten“, klagte sie über ihre Haft. Im Gefängnis zeige sie beim Spazierengehen und Kuchenbacken aber „deutliche Zeichen von Rehabilitation“, heißt es. anw/Tsp


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