Kriminalität : Ins Netz gegangen

Die aktuelle Kriminalitätsstatistik sieht auf den ersten Blick gut aus: Die Zahl der Straftaten ist auf einem historischen Tiefstand angelangt. Es lohnt sich aber ein zweiter Blick auf die nackten Zahlen. Wie sicher ist Deutschland?

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Erstmals seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Straftaten unter die Sechsmillionen-Marke gesunken. 5,93 Millionen Straftaten wurden im Jahr 2010 registriert, zwei Prozent weniger als im Jahr davor.Alle Bilder anzeigen
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20.05.2011 11:08Erstmals seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Straftaten unter die Sechsmillionen-Marke gesunken. 5,93 Millionen Straftaten...

Die Bilder der Überwachungskamera waren unerträglich. Wie besessen trat der junge Mann in der schwarzen Jacke dem am Boden liegenden Opfer gegen den Kopf. Die grässliche Szene vom Osterwochenende aus dem U-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin löste bundesweit Entsetzen aus. Die Öffentlichkeit nimmt seitdem weitere Attacken im Nahverkehr stärker wahr, ist verunsichert. Dennoch bleibt die Bundesrepublik eines der sichersten Länder der Welt. Im vergangenen Jahr fiel die Zahl der Straftaten unter die Sechs-Millionen-Grenze – erstmals im wiedervereinigten Deutschland. Es gibt aber auch negative Tendenzen – etwa einen starken Anstieg der Internetkriminalität.

Was sagen die Zahlen über die Kriminalität im Jahr 2010?

„Die Gesamtzahlen zeigen eine durchweg positive Entwicklung“, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), als er am Freitag in Berlin die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für 2010 vorstellte. Demnach registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 5 933 278 Straftaten, im Jahr 2009 waren es 6 054 330. Gegenüber 1993, als die PKS die ersten brauchbaren gesamtdeutschen Zahlen lieferte, ist sogar ein Rückgang der Fälle um mehr als 800 000 zu verzeichnen.

Die Zahl der Tatverdächtigen sank aktuell auch, um 34 414 auf 2 152 803. Und Friedrich hatte noch eine frohe Botschaft parat. Bei der Aufklärung von Verbrechen wurde mit einer Quote von 56 Prozent (2009: 55,6) ebenfalls das beste Ergebnis seit 1993 erreicht. Das sei „ein hervorragender Beleg der Arbeit der Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten in Bund und Ländern“, freute sich der Minister.

Gerade die härteste Form der Kriminalität, die Gewalttaten, nahm deutlich ab. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 201 243 einschlägige Fälle, das sind 7203 weniger als 2009. Den stärksten Rückgang gab es hier bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung (2010: 142 903 Delikte, 2009: 149 301). Auch Raub nahm ab (2010: 48 166 Fälle, 2009: 49 317). Bei Mord und Totschlag ist der Rückgang nicht ganz so auffällig (2010: 2218 Delikte, 2009: 2277). Eine Zahl trübt jedoch das Bild. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung meldete die Polizei 410 Fälle mehr als im Vorjahr (2010: 7724, 2009: 7314). Eine Erklärung habe er dafür nicht, sagte Friedrich. Sein Amtskollege aus Hessen, Boris Rhein (CDU), vermutete hingegen, die gestiegene Bereitschaft, bei Sexualstraftaten Anzeige zu erstatten, habe sich auf die Statistik ausgewirkt. Rhein saß neben Friedrich, weil Hessen in diesem Jahr den Vorsitz der Innenministerkonferenz innehat.

Welche Delikte bereiten am meisten Sorgen?

Als „große Herausforderung“ bezeichnete Friedrich zudem die Internetkriminalität. Sie nimmt weiter zu, 2010 wurden 246 607 Fälle festgestellt. 2009 waren es 206 909, in dieser Zahl fehlt aber Bayern, das nicht gemeldet hatte. Am meisten zugenommen hat das Ausspähen und Abfangen von Daten – um rund 32 Prozent. Angesichts der Internetkriminalität sieht der Minister gar die Gefahr, das World Wide Web könnte „unbrauchbar“ werden.

Die Innenminister beunruhigt auch die anhaltende Gewalt gegen Polizisten. 2010 wurden laut Friedrich 21 498 „Widerstandshandlungen“ gegen Polizeibeamte gemeldet. Allerdings ist die Zahl der Widerstandshandlungen gegen die Staatsgewalt überhaupt um mehr als elf Prozent gesunken (2010: 23 372 Fälle, 2009: 26 344).

Auch die an sich erfreuliche Abnahme des Anteils Jugendlicher um knapp sieben Prozent an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen ist nach Ansicht Friedrichs kein Grund für Entwarnung. „In Ballungsräumen haben wir unverändert hohe Probleme“, sagte er, auch mit Blick auf den Überfall im U-Bahnhof Friedrichstraße. Die zwei Täter sind 18 Jahre alt und können damit noch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Beide Innenminister befürworten einen „Warnschussarrest“, Rhein hält zudem bei Heranwachsenden, also 18- bis 20-Jährigen, die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht für zwingend.

Wie schneidet Berlin ab?

Auch in Berlin ging die Kriminalität, wie berichtet, zurück – doch die Aufklärungsquote ist mit 48,4 Prozent die zweitschlechteste bundesweit. Nur Hamburg ist mit 46,2 Prozent schwächer. Am besten steht Thüringen da, hier wurden 65,3 Prozent aller Straftaten aufgeklärt.

Wie verlässlich ist die Statistik?

Friedrich betonte, die Bilanz bilde nur das „Hellfeld“ ab. Dunkelziffern bleiben naturgemäß außen vor. Die Gewerkschaft der Polizei moniert, „der geringfügige Rückgang der Gesamtkriminalität“ nähme der Bevölkerung „nicht die unbestimmte Furcht vor alkoholisierten, aggressiv auftretenden Mitmenschen, schockierend brutalen Gewaltattacken im öffentlichen Nahverkehr und auch nicht den Ärger über mutwillige Zerstörungen oder das hemmungslose Vermüllen öffentlicher Anlagen“. Und die Gewerkschafter weisen darauf hin, dass bei Aufklärungsraten geschönt werden könne, indem eine aufgeklärte Straftat mehreren Deliktgruppen zugeordnet wird.

Wie steht es um das Sicherheitsgefühl der Deutschen?

Trotz vieler sinkender Zahlen dürfte neben den spektakulären Gewalttaten vor allem die Zunahme bei Wohnungseinbrüchen um 8280 Fälle auf 171 630 das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Menschen beeinträchtigen. Auch Friedrich sprach von einer „großen Sorge“ und warnte vor „Kinderbanden aus Osteuropa und Südamerika“.

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