Kriminalpolitik : Strafe schreckt doch ab – sagen die Ökonomen

Ob und wie Strafe wirkt, wird nicht nur in der Pädagogik, sondern auch in der Kriminologie leidenschaftlich diskutiert. Jetzt haben sich erstmals Ökonomen umfassend mit dem Thema befasst. Sie fordern mehr Urteile.

Jost Müller-Neuhof

Berlin -  Am Donnerstag präsentierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin eine Studie mit erstaunlichen Ergebnissen: Ja, ist ihre Antwort, Strafe hat einen Einfluss auf die Kriminalitätsentwicklung. Wenn viel gestraft wird, gibt es weniger Verbrechen. Die Studie stellt damit ein liberales kriminalpolitisches Dogma auf den Kopf. Strafe schreckt kaum ab, heißt es vielfach. Die mögliche Strafe hätten Täter in den seltensten Fällen auf der Rechnung.

Psychologie und individuelle Faktoren hätten sie nicht untersucht, sagen die Forscher, ihnen sei es darum gegangen, Zahlen und „harte Fakten“ in die Diskussion zu bringen. Zugleich betonten die Verfasser der Studie, Hannes Spengler und Horst Entorf, sei es nicht die „Härte“, also die Höhe der Strafe, die abschreckt. Wichtig sei vielmehr, dass überhaupt verurteilt würde. Aufklärungsquote und Urteile seien der entscheidende Schlüssel, um Kriminalität zurückzudrängen.

Wenig halten die Forscher dagegen von einer Vielzweckwaffe der deutschen Justiz, der häufigen Verfahrenseinstellung. Im Endeffekt nehme die Kriminalität dadurch zu. „Diese Politik gehört auf den Prüfstand“, fordert Spengler. Man erreiche das Gegenteil dessen, was eigentlich gewollt sei.

Nach Angaben von Spengler und Entorf untersucht die DIW-Studie erstmals umfassend den Zusammenhang zwischen Strafverfolgung und Kriminalitätsentwicklung seit der Strafrechtsreform von 1969. Sie gilt als Zäsur in der Kriminalpolitik. Haftstrafen sollten das letzte Mittel sein, Geld- und Bewährungsstrafen zur Regel werden. Auch wurden die Möglichkeiten, Verfahren einzustellen, immer weiter ausgebaut. Während 1950 noch 39 Prozent aller Verurteilten ins Gefängnis mussten, seien es 2006 nur noch 8,3 Prozent gewesen.

Dieser Politik stellten Spengler und Entorf Daten aus der Polizeistatistik entgegen und konzentrierten sich auf Eigentums- und Gewaltdelikte. Wirtschaftskriminalität erfassten die Wirtschaftswissenschaftler so wenig wie Betrug. Sie folgten statistischen Größen und Wahrscheinlichkeiten. Die Diebstahlszahlen seien nach einem Hoch in den neunziger Jahren rückläufig, die Zahl der Gewaltdelikte dafür stark gestiegen. Einen „systematischen Zusammenhang“ mit der Strafverfolgung konnten die Wissenschaftler entdecken, der sich auch in Unterschieden der Bundesländer manifestiere: Wo viel verurteilt und aufgeklärt werde, wie in Bayern, gebe es weniger Kriminalität.

Spengler hofft, mit seinem Beitrag auch in der Politik gehört zuwerden. Die Gesetzgebung werde wissenschaftlich von den Kriminologen beherrscht, die „ideologisch geprägt“ an die Sache herangingen. Andererseits verfolgen die Kriminologen einen breiteren Forschungsansatz. Sie würden schon bestreiten, dass die Polizeistatistik, also die Erfassung von Anzeigen, überhaupt das Kriminalitätsgeschehen wiedergebe. Auch die Ökonomen hätten gerne mehr Material, vor allem eine Opferstatistik. Dennoch: „Unsere Studie wird dadurch vielleicht ungenau, aber nicht falsch“, sagt Spengler.

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