Politik : Krimis aus dem Kanzleramt

Hermann Rudolph

Berlin - Er sieht aus „wie ein Mittelgewichtler, der sich erfolgreich in die Getränkebranche zurückgezogen hat“, aber – so setzte der „Spiegel“-Autor seine Pointe – „er ist ein Professor“. Da war Horst Ehmke aber schon Justizminister und auf dem Wege, eine der interessantesten, farbigsten Gestalten der deutschen Politik zu werden, zumal in ihrer sozialliberalen Phase. Wenig später stand er als Willy Brandts Kanzleramtsminister in einem Zentrum dieser Ära des Auf- und Umbruchs. Es war die Zeit, in der er gern mit dem – gut erfundenen – Dialog mit seinem Fahrer charakterisiert wurde: Frage: Wo soll es hingehen. Antwort: Egal, ich werde überall gebraucht.

Sein forsche Allure hat Ehmke nicht nur Freunde, sondern zumindest ebenso viele Neider und Gegner eingebracht. Dabei war der vielversprechende junge Freiburger Staatsrechts-Professor, der Mitte der sechziger Jahre Politiker wurde, als „Seiteneinsteiger von oben“, wie er witzelte, schon ein Ereignis: ein raumgreifendes Temperament, ein Bündel von Intellektualität und fröhlicher Rauflust, ein neuer Typus von Politiker, wie gemacht für den Aufstieg der SPD zur Regierungspartei. Und auch als sein Stern zu sinken begann, nach dem Ende der Ära Brandt, blieb er im Bonner Politikbetrieb – zusammen mit seiner zweiten Frau Maria, einer tschechischen Emigrantin, – eine unverzichtbare Größe.

Aber Ehmke hat auch etliches auf dem historisch-politischen Kerbholz. Er hat als Staatssekretär des Justizministers Heinemann die Strafrechtsreform mit realisiert. Seine Reorganisation des Kanzleramts 1969 schlug eine notwendige Bresche in die alte Ministerialbürokratrie und ihre Praxis, auch wenn sein Versuch, die Politik durch Planung zu modernisieren, kein Erfolg wurde. Und er führte zum Beispiel auch die große Auseinandersetzung um die Ostpolitik im Jahre 1972 auf einen Höhepunkt, als er Barzels „So nicht und jetzt nicht“ in seiner Rede ein „So und jetzt!“ entgegensetzte.

Dann, bis zum Ausscheiden aus dem Bundestag 1994, immer dabei in diversen Parteigremien, von Fraktionsspitze bis Vorstand, nie mehr ganz vorn. Man könnte Ehmkes politisches Leben unvollendet nennen, wenn sich das für eine politisch-intellektuelle Natur seines Kalibers nicht verböte. Die SPD und die deutsche Politik insgesamt wären ohne ihn ärmer gewesen. So jemandem mag man sogar zubilligen, dass er in den achtziger Jahren Oskar Lafontaine stützte, und selbst seinen Widerstand gegen Berlin in der Hauptstadtfrage kann man ihm nachsehen, auch weil er erfolglos blieb. Nun schreibt der Danziger Bürgersohn, der „Renegat“, wie er sich selbst ironisierte, Kriminalromane und steht immer noch in der Herausgeberliste des „Archivs des öffentlichen Rechts“. An diesem Sonntag wird er 80 Jahre alt.

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