Krippenpflicht : "Pflichtbesuche von der Krippe an"

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock hat eine Pflicht zur Förderung von Kindern ab dem 2. Lebensjahr ins Gespräch gebracht. Union und Opposition wollen jedoch keinen "Krippen"- oder "Schulzwang".

Berlin "Wenn man es ernst nimmt mit der Chancengleichheit, kann die Antwort nur lauten: Pflichtbesuche von der Krippe an", sagte stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock der "Westdeutschen Zeitung". In einer Erklärung schränkte Sehrbrock diese Aussage ein. "Es ist meine persönliche Meinung, dass zumindest der Kindergartenbesuch verpflichtend sein sollte". Dies sei "aber nicht Beschlusslage des DGB". Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) wandte sich gegen einen "Krippen-Zwang".

Die Grünen begrüßten den Vorstoß. Sehrbrock, die auch Vize-Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) ist, begründete in der Zeitung ihren Vorstoß mit den Ergebnissen der PISA-Studien der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese hätten gezeigt, "dass Kinder aus den unteren Schichten nicht die gleichen Bildungschancen haben wie Kinder aus den mittleren oder gehobenen Schichten". Daher spreche alles "für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen", so könnten "alle Kinder optimal gefördert werden". In ihrer Erklärung betonte Sehrbrock, sie wolle keinen "Krippenzwang", aber eine Förderung ab dem 2. Lebensjahr. Da sich sprachliche und gesellschaftliche Kompetenzen bereits nach dem 2. Geburtstag entwickelten und dann auch gefördert werden sollten, "beginnen unsere Kindergärten ein Jahr zu spät".

Förderung im Kindergarten

Die Betreuung und Förderung von Zweijährigen müsse aber nicht notwendigerweise in der Krippe organisiert werden, sondern könne genauso gut im Kindergarten erfolgen, erklärte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Bosbach sagte der Freitagsausgabe der "Westdeutschen Zeitung", eine Krippen- und Ganztagsschulpflicht sei ein tiefer Eingriff in das Elternrecht. "Wir wollen die Wahlfreiheit der Eltern, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder geht und lehnen einen staatlichen Zwang ab", betonte der CDU-Politiker.

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte in Berlin, der DGB weise auf ein wichtiges Problem hin. Kinder aus benachteiligten Gruppen nähmen oft auch am Kindergarten seltener und kürzer teil als die Kinder bildungsnäherer Schichten. "Deshalb wäre es gut, wenn der DGB-Vorstoß zu Krippenpflicht eine Diskussion über Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Gruppen auslösen würde", erklärte Beck. Gerade Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern bekämen nur über die Teilnahme am Kindergarten die Möglichkeit, ihre Benachteiligung auszugleichen. Der Verweis auf die Wahlfreiheit der Eltern "kann leicht zum Synonym für die Vererbung von sozialen Benachteiligungen der Eltern auf die Kinder werden", kritisierte Beck die Haltung Bosbachs. (mit AFP)

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