Krise in den Anden : Droht ein Krieg in Südamerika?

Die Spannungen zwischen Ecuador, Venezuela und Kolumbien entwickeln sich zu einer schwerwiegenden Krise in der Region. Ecuadors Staatschef Rafael Correa spricht von einem beispiellosen Konflikt, der ganz Lateinamerika betreffe. Es gibt Truppenbewegungen auf ecuadorianischer und venezolanischer Seite in Richtung kolumbianischer Grenze.

BogotaDie venezolanische Regierung in Caracas brach alle diplomatischen Beziehungen zu Bogotá ab. Ebenso hat die ecuadorianische Regierung alle diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien eingefroren. Gleichzeitig wurden alle kolumbianischen Diplomaten aus Ecuador und Venezuela ausgewiesen.

Nach dem diplomatischen Warnschuss bewegt Venezuela seine militärischen Muskeln. Der Gouverneur der zentral gelegenen venezolanischen Provinz Lara, Luis Reyes, sagt, das Militär verlege Truppenteile an ihre Grenze zu Kolumbien. Allerdings bestätigen bisher weder der Verteidigungsminister noch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte diese Angaben. Alle Grenzübergänge sind für den Waren- und Reiseverkehr geschlossen.

Der Anlass bietet genügend Zündstoff für eine militärische Auseinandersetzung

Anlass für die Krise ist der kolumbianische Militäreinsatz gegen die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) am Wochenende. Bei dem Militärschlag gegen die Farc waren am Samstag auf ecuadorianischem Gebiet neben dem stellvertretenden Anführer Raúl Reyes auch 20 weitere Rebellen getötet worden. Die Farc ist eine von mehreren bewaffneten Gruppen in Kolumbien. Als die älteste und größte Guerilla bekämpft sie seit Anfang der 50er Jahre gewaltsam die Staatsmacht. Sie umfasst schätzungsweise 15.000 Kämpfer. Gemeinsam mit der ELN (Nationales Befreiungsheer) kontrolliert die Farc über ein Drittel des Anden-Staates, zumeist unzugängliche Dschungelgebiete. Es wird geschätzt, dass die Farc zwischen 700 und 1000 Geiseln festhält.

Allerdings ist der Grund ein ganz anderer. Seit Hugo Chávez in Venezuela an die Macht kam, spürt man den scharfen Wind zwischen den bürgerlich-konservativ und den linkspopulistisch geführten Staaten in Südamerika. Bislang war Brasilien das einzige Land, welches diplomatisch mit den USA fast auf Augenhöhe verhandelte. Nun hat Venezuela das Geld, seine Politik umzusetzen. Mit Argentinien,  Bolivien und Ecuador hat es bereits drei Regierungsneubildungen maßgeblich beeinflusst. Die USA und auch europäische Staaten wiederum unterstützen seit Jahren einen schmutzigen Krieg gegen den Anbau von Koka in Kolumbien. Die internationale Unterstützung nutzt Bogotá aus, um an der Macht zu bleiben. Meist gehen sogenannte paramilitärische Gruppen vor den Augen des Staates brutal gegen Zivilisten und Kämpfer der Farc vor.

Kolumbien torpediert französische Geheimdiplomatie

Die ecuadorianische Regierung wirft Kolumbien vor, die bevorstehende Freilassung von langjährigen Geiseln der bewaffneten Gruppe Farc verhindert zu haben. „Die Bemühungen um die Freilassung von zwölf Farc-Geiseln, darunter Ingrid Betancourt, waren weit fortgeschritten“, sagte der Präsident Correa in Quito. Betancourt war eine bedeutende kolumbianische Politikerin. Sie wurde als die erste lateinamerikanische Präsidentin von Experten gehandelt. Vor sechs Jahren geriet sie während einer Wahlkampfveranstaltung in die Fänge der Farc. „Ich kann nicht ausschließen, dass Kolumbiens Überfall absichtlich geführt wurde, um diese Freilassung zu verhindern.“ Danach brach er nach Peru auf, der ersten Station von fünf Ländern in der Region, in denen er die Position Ecuadors erklären wollte.

In einem Kommuniqué der Rebellen hieß es, der bei dem Angriff in Ecuador getötete Kommandant Raúl Reyes habe ein Treffen mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy vorbereitet, um über die Freilassung der 2002 entführten Politikerin Betancourt, die auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, zu sprechen. Sarkozy selbst hatte vergangene Woche Bereitschaft signalisiert, für eine Freilassung Betancourts nach Südamerika zu reisen.

Bogotá: Farc baut mit nuklearem Abfall an einer neuen Bombe

Kolumbien hatte am Wochenende zugegeben, Raúl Reyes auf ecuadorianischem Boden getötet zu haben. Gleichzeitig konterte Bogotá jedoch, es sei über die Absichten des ecuadorianischen Präsidenten Correa nicht informiert gewesen und habe ihm auch keinen entsprechenden Auftrag erteilt, sich um die Freilassung von Geiseln zu bemühen.

Informationen aus sichergestellten Computern von Reyes wiesen darauf hin, dass Correa ein „politisches Geschacher mit den Geiseln“ beabsichtigt habe. Der kolumbianische Vizepräsident Franciscos Santos sagte, nach Angaben der „New York Times“ in Genf, dass die Farc geplant zudem habe, kleine konventionelle Bomben mit nuklearem Abfall zu bauen. „Das zeigt, wie gefährlich diese terroristischen Gruppen wirklich sind. Sie finanzieren ihre Aufrüstung über den Drogenhandel“, betonte der kolumbianische Vizepräsident.

Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe kündigte an, sein Land werde Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Unterstützung der Farc anzeigen. Der kolumbianische Polizeichef General Ramón Oscar Naranjo will Beweise haben, das Venezuela die Farc jüngst mit 300 Millionen Dollar unterstützt haben.

Die USA warnen Nachbarstaaten vor einem militärischen Angriff auf Kolumbien

Vor einem Treffen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Washington schlugen Brasilien und Chile den Einsatz einer Untersuchungskommission vor. Es gebe unterschiedliche Angaben über die Vorgänge, sagte der chilenische Außenminister Alejandro Foxley in Santiago. Die Untersuchung solle die Fakten klären.

 Während die EU zu einer Beilegung des Streits mahnte, dankte US-Präsident George W. Bush der kolumbianischen Regierung für ihr Vorgehen. Bush versichert Uribe, „dass die USA die kolumbianische Demokratie voll unterstützen und strikt gegen jeden Akt der Aggression sind, der die Region destabilisieren könnte.“ Die Vereinigten Staaten stünden weiterhin an der Seite Kolumbiens, „während das Land mit Gewalt und Terror konfrontiert ist und gegen Drogenschmuggler kämpft.“ (ml/dpa/AFP)

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