Krise in der Ukraine : Menschen in Donezk: "Wir warten auf den nächsten Treffer"

In Donezk harren Zivilisten in Kellern aus, seitdem Granaten in Wohngebäude und ein Krankenhaus eingeschlagen sind. Ein Rundgang in der belagerten Stadt.

Jutta Sommerbauer
Die Rebellen wollen Donezk nicht kampflos aufgeben.
Die Rebellen wollen Donezk nicht kampflos aufgeben.Foto: AFP

„Seit dem Angriff habe ich zu rauchen begonnen“, sagt Olja Stepanowna und zieht an ihrer dünnen Zigarette. „Meine Nerven.“ Stepanowna steht im türkisfarbenen Schwesterngewand mit einer Kollegin vor der Tür des Wischnjowski-Krankenhauses. Der Zweckbau liegt in einem ruhigen Wohngebiet in Donezk, mehrstöckige sozialistische Zweckbauten gesäumt von Bäumen, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt. Vor vier Tagen schlug hier um zehn Uhr vormittags eine Granate in den zweiten Stock ein. Eine Übungspraxis für angehende Zahnärzte wurde komplett verwüstet, auch die Kinderabteilung getroffen. Ein Mensch wurde getötet.

An einigen Stellen in der Fassade klaffen Löcher, vor dem Eingang haben sich Granatsplitter in den Asphalt eingebrannt. Die Patienten der Zahnklinik flüchteten in Panik in den Keller. Wenn Olga Stepanowna an diese Minuten denkt, bekommt sie noch immer eine Gänsehaut. „Warum bombardieren sie uns? Wollen sie die Nation auslöschen?“, fragt sie mit erregter Stimme. Sie – das sind für Stepanowna die Einsatzkräfte der ukrainischen Armee. Vieles spricht dafür, dass es tatsächlich die Armee war, die das Krankenhaus bombardiert hat.

Das Militär hat seine Stellungen am Flughafen, im Norden der eine Million Einwohner zählenden Stadt. Die Einschüsse kamen aus dieser Richtung. Ein paar hundert Meter Luftlinie vom Krankenhaus steht das eigentliche Ziel der Angriffe: das Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes SBU, das von den prorussischen Kräften besetzt ist. Es ist die Kommandozentrale des selbst ernannten Verteidigungsministers der „Donezker Volksrepublik“, Igor Strelkow. Das Militär hat in den vergangenen Tagen einige Ziele verfehlt. „Wir warten schon auf den nächsten Treffer“, sagt Stepanowna.

Auch in der Nacht von Sonntag auf Montag war in Donezk Artilleriefeuer zu hören. Ein Geschoss schlug am späten Sonntagabend in ein Hochsicherheitsgefängnis im Westen der Stadt ein. 100 Insassen gelang danach die Flucht, allerdings sollen 34 wieder zurückgekehrt sein, wie die Gefängnisleitung meldete. Auch im Norden der Stadt gingen Granaten nieder. Mehrere Transformatoren wurden zerstört. Tags zuvor war die Stadt beinahe ununterbrochen beschossen worden. Angesichts der Belagerung haben viele Bewohner Donezk in den letzten Tagen verlassen.

An Busstationen und am Bahnhof bilden sich lange Schlangen. Hin und wieder sieht man Passanten, die sich mit Lebensmitteln von einem der wenigen offenen Geschäfte und Märkte eindecken. Gegen Abend leeren sich die Straßen gänzlich, ab 23 Uhr gilt eine Ausgangssperre. In den vergangenen Tagen hat die ukrainische Armee ihren Ring um Donezk geschlossen. Die Separatisten waren gezwungen, ihre Straßensperren weiter ins Stadtgebiet hineinzuverlegen. Sie erneuerten am Sonntag ihr Angebot eines Waffenstillstands.

Der neu ernannte Premierminister der „Donezker Republik“, Alexander Sachartschenko, sprach von der Notwendigkeit einer „beidseitigen Waffenruhe“, um im Donbass eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Doch die Kräfte wollen mit dem Beschuss erst aufhören, wenn sich die Separatisten ergeben. Die Armee setzt also weiter auf ihre Einkreistaktik, in Donezk ebenso wie in den Städten Horliwka und Lugansk. Die Versorgungsrouten sollen abgeschnitten, die Separatisten demoralisiert werden.

Die Kämpfe in der Ostukraine
Die Kämpfe in der OstukraineFoto: AFP

Militärsprecher Andrij Lysenko erklärte am Montag, dass die Armee „die letzte Etappe für die Befreiung von Donezk“ vorbereite. „Unsere Kräfte haben Donezk komplett von Lugansk abgetrennt. Wir arbeiten daran, beide Städte zu befreien, aber es ist besser mit Donezk zu beginnen, da es strategisch wichtiger ist.“ Russland hat nach Darstellung der ukrainischen Regierung an der gemeinsamen Grenze 45000 Soldaten in Stellung gebracht. Inzwischen ist der Weg für eine Hilfsmission für die Bevölkerung in der Ostukraine frei.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko stimmte einem Einsatz am Montag nach einem Telefonat mit US- Präsident Barack Obama zu. Unter Leitung des Internationalen Roten Kreuzes sollen sich Russland, die EU, Deutschland und andere an der Mission beteiligen. Vor dem Krankenhaus hat sich Olja Stepanowna wieder eine Zigarette angezündet, als aus dem Norden eine Detonation zu hören ist. Dann noch eine, diesmal näher „Nichts wie weg hier“, ruft sie, lässt die Zigarette fallen und läuft die Stufen zum Keller hinab. (mit dpa)

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