Krise in Griechenland : "Sie werden stehlen und einbrechen"

Die Menschen in Griechenland haben Angst. Was wird nach dem Sonntag passieren? Noch kaufen sie nicht in Panik die Regale leer, aber man spürt, dass sich im Land alle irgendwie auf das Schlimmste einstellen. Eine Reportage aus Athen.

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Greek is chic!
Greek is chic!Foto: dpa

An den Athener Kiosken sind Zeitungen heute besonders gefragt. „Alle reden über ihre Ängste. Sie kaufen Zeitungen – und Zigaretten, Zigaretten, Zigaretten“, sagt Eleny Lozou, „so lange sie noch Geld haben“, und reicht wie automatisch eine Schachtel über den Tresen. Die 30-Jährige selbst will sich nicht bange machen lassen. „Natürlich ist das alles schlecht, aber warten wir mal ab.“ Sie verdient mit ihren Zwölfstundenschichten sechs Tage die Woche 800 Euro im Monat. „Das ist genug für mich und meinen Sohn in dieser Situation“, sagt sie. Der Sohn ist vier. Sie mag Tattoos, vor sechs Jahren hat sie sich den Rücken verzieren, Sterne auf den Unterarm stechen lassen. „Als ich noch Geld hatte.“ Sie würde sich gern auch das Porträt ihres Jungen auf den Körper tätowieren lassen. Aber dafür reicht es im Moment nicht.

Dieser Mittwoch ist in Athen ein wunderbarer Sommertag, 33 Grad zeigt das Thermometer an. Die Luftfeuchtigkeit steigt. Das macht vielen, vor allem Älteren, zu schaffen. Bei Apotheker Vaggelis ist es angenehm klimatisiert, ein Rentner lässt sich gerade den Blutdruck messen. Bei anderen Dingen muss der Angestellte inzwischen passen. „Manche Impfungen für Babies haben wir nicht mehr“, sagt er und beugt sich mit gerunzelter Stirn Richtung Kühlschrank. „Der Tetanus-Impfstoff ist zum Beispiel aus.“ Frühestens im September soll es Nachschub geben. Bei Psychopharmaka gebe es andere Schwierigkeiten. „Von Pfizer kriegen wir nur noch 50 Packungen Zoloft für 600 Apotheken“, sagt der Mann mit dem Vollbart ruhig. „Wir haben bei uns davon früher pro Woche zehn verkauft, jetzt kriege ich eine Schachtel pro Monat.“ Es gibt zwar auch ein günstigeres Präparat, „aber wenn der Arzt Zoloft verschreibt oder die Kunden darauf bestehen, können wir nichts machen“, sagt er.

Wer sicher sein will, dass ihm nicht ein anderer zuvorkommt, ruft inzwischen an, sobald er sein Rezept hat – die Schublade mit den Bestellungen ist voll. In der roten Kasse auf dem Tresen klingelt es schon länger nicht mehr wie früher. Bei vielen Apotheken-Besitzern klingelte es früher kräftig, weil Pharmafirmen sie mit Extras belohnten, wenn sie deren teure Präparate verkauften. Auch Ärzte profitierten. Die Syriza-Regierung hat die Preise gesenkt und will, dass die Ärzte, von denen auch eine Reihe die Hand aufgehalten hat, nur noch den Wirkstoff verschreiben, kein bestimmtes Präparat einer Firma, die einen Preis festsetzt. Vaggelis findet die Sache mit den günstigeren Generika gut. Er ist Angestellter, er selbst wird im Moment mit drei Monaten Verspätung bezahlt, sagt er. In mancher Klinik gehe bei den Chefs die Angst um, weil einige wegen Missmanagements abgelöst werden sollen, heißt es am Mittwoch aus dem Gesundheitsministerium in Athen.

Der angestellte Apotheker Vaggelis befürchtet, dass es mit der Versorgungslage noch schlimmer wird. Trotzdem bleibt er dabei: „Tsipras mag nicht hundert Prozent Recht haben, aber er versucht, etwas besser zu machen.“

"Wir sind keine Betrüger"

Ein Fleischer schneidet für eine Kundin auf dem Holzblock hinten in seinem Laden Rindfleisch zurecht. Ja, seine Kunden kaufen noch Rind, das Kilo verkauft er für neun Euro. „Aber sie kaufen längst nicht mehr ein Kilo, sondern nur noch ein Pfund.“ Oder Hähnchen, das Kilo für drei Euro. Auf Vorrat und in Panik hätte noch niemand bei ihm eingekauft. Einige verängstigte Menschen hatten sich letzte Woche vor allem mit Grundnahrungsmitteln eingedeckt.

Vor fünf Jahren habe der Fleischer an der Hauptstraße noch einen zweiten, größeren Laden gehabt, mit sieben Angestellten. Jetzt steht er mit seinem 20-jährigen Sohn und seiner Angestellten im Laden, zündet sich eine Zigarette an, trinkt einen Schluck Wasser, während eine Schnulze im Radio plärrt. „Heute ist ein schlechter Tag, gestern war ein schlechter Tag. Aber heute ist es nicht anders als gestern.“ Trotz des Ultimatums. Gute Tage habe es nur vor der Krise gegeben. Und die dauert inzwischen fünf Jahre. Seiner Ansicht nach sollte Tsipras den Europäern „weniger anbieten als vorher“. Nach all den Jahren will er nun erstmal abwarten, was der Sonntag bringt.

Mancher im Viertel hat mit diesem Fleischer allerdings wenig Mitleid. Er habe früher oft beim Wechselgeld beschissen oder weniger abgewogen als berechnet, sagen sie – und fürchten gleichzeitig, die Deutschen könnten nun denken, alle seien so wie er. 

Pasta, Reis, Mehl und Klopapier

Derweil haben viele sehr viel Respekt für die Leute von der verbliebenen griechischen Supermarktkette Skalenitis. Die Verantwortlichen haben ihre Angestellten vergangene Woche bar bezahlt, das konnten sie, weil sie jeden Tag Bargeld einnehmen. Die Angelstellten müssen sich also nicht so schnell in die Schlange am Bankschalter einreihen. Am Mittwoch ist es im klimatisierten Laden in Kesariani ruhig. Vier Angestellte räumen frisches Obst ein, die Leute kaufen fürs Abendessen ein .

Vergangene Woche mussten sie hier viel mehr Pasta, Reis, Mehl und Klopapier ranschaffen. „Diese Woche ist unser Lieferplan ganz normal“, sagt der junge Lieferant modisch in beiger Hose und schwarzen Hemd. „Und die Lager sind voll.“  Sagt er und stapelt mit einem Kollegen Coke Zero nach unten und die Coca Cola original nach oben.

Bargeld gibt es in Griechenland weiterhin nur limitiert.
Bargeld gibt es in Griechenland weiterhin nur limitiert.Foto: Reuters

Plötzlich schallen deutsche Worte durch die Luft: „Der deutsche Plan hat einfach nicht funktioniert“, ruft ein anderer Lieferant verärgert. 25 Jahre hat er in München gearbeitet. „Da war ich Taxiunternehmer. Aber dann hatte ich die Nase voll. Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten.“ Mitten in der Krise, vor anderthalb Jahren, ist er nach Athen zurück, betreibt jetzt mit dem Bruder einen Lieferservice.

Eine Bankangestellte, die sie noch nicht wieder zur Arbeit gebeten haben, packt mit rosa lackierten Fingernägeln Zwiebeln in eine Tüte. Bei ihr gibt es heute Steak und Salat. Auch sie lebt jetzt schon so lange mit der Krise. Sie kann und will nicht jeden Tag aufs Neue hyperventilieren. „Es ist doch logisch, dass die Europäer gestern so reagiert haben“, meint Eugenia Maragaki, die Lesebrille an einer bunten Kette am Hals, die Sonnenbrille im Ausschnitt.

"Wenn sie uns aus dem Euro werfen, sind wir tot"

Im Coffee Island eine Ecke weiter ist Besitzerin Chrysa ziemlich beunruhigt, was das Ende der Woche bringen könnte. „Wenn sie uns aus dem Euro werfen, sind wir hier tot“, sagt sie mit einer wegwerfenden Bewegung und eilt mit ihrer Zigarette an die Luft. Als die Banken schlossen, ging es erstmal „krisennormal“ weiter, von Donnerstag bis Sonntag aber brach das schon schlechte Geschäft um 60 Prozent ein. „Montag ist immer toter Montag“, sagt Lieferant Albi Ruci, der heute auch am Tresen mithilft. Gestern sei dann plötzlich ein Tag wie vor der Krise gewesen. Als hätten die Menschen die ersten Ängste nach dem überraschenden Nein überwunden.

Ja, es sind Gäste da, aber auf Dauer können sie und der Cousin ihres Mannes, denen der Laden gehört, ihre Familien so nicht durchbringen. „Viel schlimmer ist es in Omonia“, sagt der 27-Jährige Ruci, der selbst den Unbesorgten gibt. „Da geht es den Leuten schlechter.“ Wenn die Leute nach Sonntag verzweifeln würden, dann wohl am ehesten dort, sagt er. Um sich zu versorgen, werden sie dort als erstes stehlen und einbrechen, behauptet er.

„Die Menschen werden mit Messern auf die Straße gehen, um sich zu schützen.“ Nein, das werde nicht Montag oder Dienstag passieren. „das wird etwas dauern, aber wenn die Menschen Hunger haben, werden sie gucken, wo sie sie ihre Lebensmittel bekommen.“ Trotz dieser düsteren Prognose bleibt er verhalten optimistisch: „Natürlich kann es sein, dass ich meinen Job verliere und es noch schlimmer wird, wenn wir die Drachme wieder bekommen“, sagt er und kratzt sich am Dreitagebart. „Aber es wird einen Weg geben, etwas zu essen zu finden.“ Er denkt einen Moment nach: „Es ist kein Krieg. Es ist ein politisches Spiel.“ Er findet es nicht in Ordnung, dass den Menschen an jeder Ecke Angst gemacht werde.

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