Krise : Rette sich, wer kann

Die Krise kostet Millionen chinesischer Arbeiter den Job – eine gewaltige Belastungsprobe für Peking.

Bernhard Bartsch[Guangzhou]

Am Ende wählte Shi Hailin die Flucht, was zumindest für seine Sicherheit womöglich die richtige Entscheidung war. Der Besitzer der Keramikfabrik Yekui in der südchinesischen Provinz Guangdong schuldete seinen Arbeitern zwei Monate Gehalt. Mangels neuer Aufträge stand sein Werk vor dem Aus, und so befand er sich in weiter Ferne, als die Belegschaft vergangene Woche sein Büro plünderte. „Er ist ein Dieb und ein Feigling“, schimpfte Vorarbeiter Liu Shiguang, der drei Jahre lang für Shi Gartenzwerge und Schneekugeln produziert hatte. „Wir hätten nicht schlecht Lust, ihn umzubringen.“

Viel Entschädigung war in dem verlassenen Bürotrakt nicht zu finden. Nachdem ein amerikanischer Kunde eine Zwei-Millionen-Dollar-Bestellung storniert hatte, ließ Shi in einer Nacht- und Nebelaktion alles Wertvolle abtransportieren. Als er nicht mehr auftauchte, konnten sich seine Angestellten schnell ausrechnen, dass ihre Arbeitsplätze nicht mehr existierten. „Meine ganze Familie hat von meinem Gehalt gelebt“, sagt Liu, dessen Heimat 14 Zugstunden landeinwärts liegt. „Ich wollte meiner Tochter ein Studium finanzieren, aber jetzt weiß ich nicht einmal mehr, wie ich sie ernähren soll.“

Dramen wie Lius spielen sich in Guangdong, wo 40 Prozent der chinesischen Exportprodukte hergestellt werden, derzeit hundertfach ab. Die gesunkene Nachfrage nach chinesischen Produkten kostet Millionen Arbeiter ihren Job. Dabei herrschte in den südchinesischen Fabriken Anfang des Jahres noch Arbeitskräftemangel; vor dem Neujahrsfest versprachen viele Unternehmen ihren Angestellten sogar Sonderbonusse, damit sie nach den Ferien zurückkamen. Viele Arbeiter konnten damals so kräftige Lohnsprünge durchsetzen, dass China sich schon über die Abwanderung von Jobs ins billigere Vietnam oder Bangladesch sorgte.

Doch die neue Angst heißt Massenarbeitslosigkeit. „Wir verstehen nicht genau, was eigentlich passiert, aber die Auswirkungen spüren wir alle“, sagt Lian Qiao, Angestellter des DVD-Herstellers Huifeng in der Stadt Dongguan. 1200 seiner Kollegen sind bereits entlassen worden, und die 600 Verbliebenen haben nur noch zwei Tage pro Woche zu tun. „Früher habe ich im Monat 1500 Yuan (164 Euro) verdient“, klagt Lian, der im November nur noch 50 Euro erhielt. „Bei den hohen Lebenshaltungskosten kann ich es mir nicht länger leisten, hierzubleiben.“

Noch ist es schwierig, das Problem mit Zahlen zu beziffern: Wie alle Regierungen der Welt versucht auch Peking, Optimismus zu verbreiten. Doch die wenigen verfügbaren Statistiken weisen auf verheerende Auswirkungen hin. So sind nach Angaben des Ministeriums für Arbeit und Soziale Sicherheit allein in der Provinz Jiangxi 300 000 der 6,8 Millionen dortigen Wanderarbeiter auf dem Rückweg in ihre Heimat. In der Provinz Hubei wurden ebenfalls 300 000 Entlassungen registriert, wobei die Beamten davon ausgehen, dass die Krise allein in der Provinzhauptstadt Wuhan 600 000 Menschen ihren Job kosten wird. Insgesamt gibt es in China schätzungsweise 130 Millionen Wanderarbeiter, die einen Großteil des Lebensunterhalts der 730 Millionen chinesischen Landbewohner bestreiten. Denn in den Dörfern gibt es wenig zu tun. Zum Vergleich: Während China und die USA annähernd die gleiche Ackerbaufläche haben, leben in Amerika nur sechs Millionen Menschen oder zwei Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft, während zwei Drittel der Chinesen pro forma als Bauern gelten. Zwar will die Regierung das Beschäftigungsproblem auf dem Land mit ihrem 460 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket abmildern und in großem Maßstab in zukunftsträchtige Infrastruktur investieren. Doch die Strategie hat Nebenwirkungen. Experten fürchten, dass die kurzfristige Jobmaßnahmen dazu führen, dass viel Ackerland für Bauprojekte konfisziert wird – eine Wirtschaftsförderungsmaßnahme, von der Peking eigentlich schon Abstand genommen hatte.

Chinas Kommunistische Partei steht damit pünktlich zum 30. Jahrestag des Beginns ihrer Reformpolitik, der Ende der Woche eigentlich gefeiert werden sollte, vor der größten Belastungsprobe seit Jahrzehnten. Denn nun rächt es sich, dass Peking viele Reformprojekte in den Jahrzehnten des Booms nur zögerlich angepackt hat: Die Versuche, die wachsenden Unterschiede zwischen Reich und Arm, Stadt und Land auszugleichen, haben bisher wenig Erfolg gezeigt. Statt die hohen Überschüsse in den Aufbau eines Sozialsystems zu investieren, bunkerte die Regierung zwei Billionen Dollar in ausländischen Devisenreserven, auf die sie jetzt nicht mehr zugreifen kann, ohne die Statik des globalen Finanzsystems noch weiter aus den Fugen zu bringen.

Die jahrzehntealten Pläne, die Binnennachfrage zum Hauptmotor der chinesischen Wirtschaft zu machen, haben sich bisher nicht verwirklichen lassen: Zwei Drittel der Volkswirtschaft werden von Exporten und Investitionen angetrieben. Doch beide sind derzeit rückläufig. Im November sanken die Ausfuhren im Jahresvergleich um 2,2 Prozent; für 2009 wird bei den Exporten ein Stagnieren prognostiziert.

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