Krise wird lebensbedrohlich : Griechenlands Ärzte arbeiten am Limit

11.06.2012 17:50 Uhrvon
Die Hilfsorganisation "Medicines du Monde" behandelt die Ärmsten der Armen - normalerweise in Dritte Welt Ländern. Mittlerweile kommen aber auch immer mehr Angehörige der früheren griechischen Mittelschicht. Foto: dpa
Die Hilfsorganisation "Medicines du Monde" behandelt die Ärmsten der Armen - normalerweise in Dritte Welt Ländern. Mittlerweile kommen aber auch immer mehr Angehörige der früheren... - Foto: dpa

Die Euro-Krise erreicht die Schwächsten in Griechenland – Kranke und Patienten in Krankenhäusern. In einigen Kliniken droht die Mangelversorgung bald Menschenleben zu kosten.

Seit vier Stunden steht Maria Karapanagioti an diesem Montagmorgen bei der staatlichen Krankenkasse IKA im Athener Küstenvorort Glyfada schon an, wird von einem Schalter zum anderen geschickt. Die 72-jährige Frau hält ein Rezept in der zittrigen Hand: Medikamente für ihren schwer kranken Mann. „320 Euro im Monat kosten die Mittel“, sagt die Frau. Bis vor kurzem ging sie mit den Rezepten in die Apotheke, die dann mit der Krankenkasse abrechnete. Aber weil die Kassen den Apotheken mittlerweile mehrere hundert Millionen Euro schulden, geben viele Apotheker Arzneimittel an die Versicherten nur noch gegen Barzahlung ab. „Woher soll ich das Geld nehmen?“, fragt Maria Karapanagioti verzweifelt.

Im vergangenen Jahr wurde dem Ehepaar die Rente von 850 auf 690 Euro gekürzt.

Die griechische Finanzkrise erreicht jetzt auch die Schwächsten: In vielen staatlichen Kliniken warten Patienten auf lebensrettende Operationen, weil es an medizinischem Material fehlt. Selbst Spritzen, Tupfer für die Operationen und Gummihandschuhe für die Ärzte sind vielerorts Mangelware. In manchen Kliniken wurden sogar die Mahlzeiten für die Patienten rationiert. Der Grund für den akuten Geldmangel: Um wenigstens die Gehälter der Staatsbediensteten und die Renten zahlen zu können, hat der Staat fast alle anderen Ausgaben eingefroren – darunter auch die Zuschüsse an die Krankenhäuser und Versicherungskassen. Die Lieferanten sitzen mittlerweile auf unbezahlten Rechnungen von rund zwei Milliarden Euro und beliefern die staatlichen Kliniken nur noch gegen Barzahlung. Die Folge: Es gibt immer mehr Engpässe bei der Versorgung mit Material und Medikamenten.

Viele Arzneimittel sind in Griechenland ganz aus dem Sortiment der Apotheken verschwunden. Der Pillen-Notstand ist ein Vorgeschmack darauf, was dem Land drohen könnte, wenn sich bei der Wahl am kommenden Sonntag die Radikallinken durchsetzen und, wie angekündigt, die Kreditverträge mit der EU aufkündigen. Dann müsste Griechenland schon binnen weniger Wochen zur Drachme zurückkehren. Die meisten Importe kämen damit wohl zum Erliegen.

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