Krise zwischen Russland und der Türkei : Wladimir Putin sagt Treffen mit Erdogan ab

Neue Spannungen zwischen Ankara und Moskau: Ein türkisches U-Boot flankiert ein russisches Kriegsschiff im Bosporus. Jetzt herrscht erst mal Schweigen.

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Bei einem Treffen im September im Kreml: Recep Tayyip Erdogan zu Gast bei Wladimir Putin (rechts).
Bei einem Treffen im September im Kreml: Recep Tayyip Erdogan zu Gast bei Wladimir Putin (rechts).Foto: Ivan Sekretarev/Reuters

Die Bosporus-Meerenge in der türkischen 15-Millionen-Metropole Istanbul ist am Montag zum Schauplatz der türkisch-russischen Krise geworden. Demonstrativ begleitete ein türkisches U-Boot das russische Kriegsschiff „Cäsar Kunikow“ während der Durchfahrt durch die Meerenge.

Anfang des Monats hatte ein russischer Soldat auf dem Schiff während einer Bosporus-Passage mit einem Luftabwehr-Geschoss posiert und damit wütende Reaktionen der Türkei ausgelöst. Auch auf politischer Ebene halten die Spannungen an: Der Kreml sagte ein Treffen von Präsident Wladimir Putin mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan ab.

Hochgerüstete Kriegsschiffe, die sich mitten in einer Millionenmetropole und in einer der meist befahrenen Schifffahrtsrouten der Welt belauern – der Streit zwischen der Türkei und Russland seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges an der syrischen Grenze am 24. November zieht immer weitere Kreise. Der Bosporus ist laut dem Vertrag von Montreux aus dem Jahr 1936 ein internationales Gewässer, über das die Türkei nur begrenzte Rechte hat. 

Am Wochenende hatte ein Schiff der russischen Kriegsmarine in der Ägäis einige Warnschüsse auf ein türkisches Fischerboot abgegeben, das nach russischen Angaben zu nahe gekommen war. Im Schwarzen Meer soll ein türkischer Frachter von russischen Kriegsschiffen abgedrängt worden sein. 

Erdogan beharrt darauf, dass türkisches Hoheitsgebiet verletzt wurde

Die türkische Regierung hofft immer noch, dass Moskau nach den Sanktionsdrohungen und Vorwürfen an Erdogan persönlich bald wieder zur Normalität zurückkehren wird. Er wolle keine Spannungen mit Russland, sondern die strategische Partnerschaft mit Moskau fortsetzen, sagte Erdogan jetzt.

Das russische Kriegsschiff "Cäsar Kunikow" passiert am Montag die Bosporus-Meerenge in Istanbul.
Das russische Kriegsschiff "Cäsar Kunikow" passiert am Montag die Bosporus-Meerenge in Istanbul.Foto: dpa

Nur wegen eines Pilotenfehlers dürften die Beziehungen nicht aufs Spiel gesetzt werden, betonte er mit Blick auf die türkische Darstellung, die Piloten des abgeschossenen russischen Jets hätten mehrere Warnungen ignoriert und türkisches Hoheitsgebiet verletzt. Moskau weist diese Version der Ereignisse zurück. 

Auch denkt die russische Führung offenbar nicht daran, zur Tagesordnung zurückzukehren. Putins Sprecher Dimitri Peskow erklärte, der turnusgemäße türkisch-russische Gipfel in St. Petersburg werde nicht stattfinden. Der russische Botschafter in Ankara, Anderj Karlow, sagte der Zeitung „Cumhuriyet“, für Russland sei der 24. November ein Wendepunkt gewesen. Ohne eine Entschuldigung der Türkei für den Flugzeugabschuss, eine Bestrafung der Verantwortlichen und eine Entschädigungszahlung werde es keine Rückkehr zu normalen Beziehungen geben.

Türkei will sich nicht entschuldigen

Bisher lehnt die Türkei eine Entschuldigung strikt ab. Zudem wirft Ankara den russischen Militärs vor, in Syrien mit rabiaten Mitteln gegen alle Gegner des mit Moskau verbündeten Präsidenten Baschar al Assad vorzugehen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sprach in einer Begegnung mit ausländischen Journalisten in Istanbul von einer „ethnischen Säuberung“ durch russische Luftangriffe. Zudem spiele die russische Taktik der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in die Hände. 

Angesichts der verhärteten Fronten ist derzeit keine Lösung des türkisch-russischen Zerwürfnisses in Sicht. Schon aus innenpolitischen Gründen werde Putin auf türkischen Zugeständnissen bestehen, sagte der außenpolitische Kommentator Semih Idiz dem Tagesspiegel. Die russische Öffentlichkeit sei aufgebracht, so dass Putin „etwas in der Hand haben“ müsse, wenn er eine Rückkehr zu normalen Beziehungen zur Türkei anstreben wolle.

Zu den politischen Spannungen tritt im neuen Jahr zusätzlich die sportliche Konkurrenz: Mitten in der bilateralen Krise wurde der türkische Verein Fenerbahce Istanbul am Montag als Gegner von Lokomotive Moskau in der UEFA Europa League ausgelost. Die Spiele finden im Februar statt – ob der Streit zwischen Ankara und Moskau bis dahin ausgestanden sein wird, weiß niemand.

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