Krisengebiet : Gemäßigte Erwartung in Afghanistan

Am Donnerstag geht es in London auf der Afghanistan-Konferenz auch um den Umgang mit den Taliban. Wie ist die Situation in dem Krisengebiet?

Martin Gerner
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Foto: Reuters

Es steigt kein Rauch mehr auf aus dem Einkaufszentrum in der Nähe des Präsidentenpalastes in Kabul. Aber das mehrstöckige Gebäude mit ausgebrannter Fensterfassade steht wie eine Mahnung an den Anschlag. Die Attentäter hatten am vergangenen Montag das Regierungsviertel in der afghanischen Hauptstadt angegriffen und dabei mehrere Menschen getötet und verletzt. „Dies war ein klares Zeichen der Taliban, die die Frage einer legitimen afghanischen Regierung als ungeklärt betrachten“, sagt der 26-jährige Aref, ein Student der Politikwissenschaften, der die Angriffe erlebt hat. Offenbar wollten die Angreifer mit dem Sturm auf Symbole der Macht wie Ministerien, afghanische Zentralbank und Einkaufszentren ein Signal an die Londoner Afghanistankonferenz am Donnerstag senden: Gespräche mit Taliban sind nicht zu den Konditionen der Geberländer zu haben.

Unter den internationalen Akteuren ist mittlerweile die Erkenntnis gereift, dass es ohne Gespräche mit der verfeindeten Seite nicht gehen wird. Die afghanische Regierung plant, 35 000 mutmaßliche Kämpfer der Taliban wiedereinzugliedern. Und zwar über finanzielle Anreize, juristische Milde und vor allem über Job- und Ausbildungsangebote. Geplante Kosten: über 100 Millionen US-Dollar. Der Plan wird wesentlich der US-Diplomatie zugeschrieben. Das macht es nicht einfacher. Namhafte Experten und Diplomaten kritisieren in dem Kontext bereits seit längerem, dass es ein Fehler gewesen sei, moderate Taliban nicht früher eingebunden zu haben.

Im Norden, in Kundus, wo rund 1000 deutsche Soldaten stationiert sind, heißt es, die Stadt sei von einer begrenzten Anzahl Taliban und ihrer Sympathisanten infiltriert – auch wenn es schwer ist, hier Gerüchte und Fakten zu trennen. Die Provinzregierung kann nicht angemessen darauf reagieren, ihr fehlt es an gut ausgerüsteten Polizisten. Dabei sind rund 100 deutsche Polizeiausbilder in Afghanistan, nur konnten die nach einhelliger Expertenmeinung noch nicht wirklich viel bewirken.

Auch Mohammad Omar hat Kritik an den Deutschen geäußert. „Wirkungslos“ sei das militärische Wirken in seiner Provinz bisher gewesen, sagte der Gouverneur von Kundus in einem Interview. Er stellt sich bereits auf die Zukunft ein, in der es mehr US-Soldaten in Kundus geben soll als Bundeswehrsoldaten – mehr als doppelt so viele. Von bis zu 2500 zusätzlichen amerikanischen Truppen in der nördlichen Provinz Kundus ist derzeit die Rede.

„Unter den Menschen von Char Dara gibt es die Befürchtung, dass das US-Militär die Bundeswehr zu einer härteren Gangart verleiten könnte“, sagt ein erfahrener Lokaljournalist in Kundus. Er meint den Antiterrorkampf der US-Streitkräfte, bei dem sie seiner Ansicht nach wenig Rücksicht auf Traditionen und Menschenrechte nehmen. Der vom Isaf-Oberkommandierenden, US-General McChrystal, dekretierte Strategiewechsel, nach dem sich das Militär vor allem zum Freund der Zivilbevölkerung machen soll, sei für ihn noch nicht wirklich sichtbar.

Politisch steht Afghanistan vor einer zusätzlichen Herausforderung. Die ursprünglich für Mai geplanten Parlamentswahlen mussten jetzt um vier Monate verschoben werden. Dies teilte der Vorsitzende der Unabhängigen Wahlkommission, Fazel Ahmed Manawi, mit. Die Wahl sei jetzt für den 18. September terminiert. Diese Entscheidung kurz vor der Konferenz in London gilt als Entgegenkommen gegenüber dem Westen. Nach der Präsidentschaftswahl im vergangenen August, die von massivem Wahlbetrug überschattet worden war, hatten besonders die USA und die UN Bedenken gegen einen neuen Urnengang geäußert. Sie dringen auf eine personelle Veränderung der Wahlkommission, da den Verantwortlichen Parteilichkeit für Präsident Hamid Karsai nachgesagt wird. Dessen Wunschkabinett ist immer noch nicht im Amt, weshalb er ohne eine arbeitsfähige Regierung nach London reisen muss.

Währenddessen soll in den nächsten Tagen in Char Dara, das ist jener Landkreis am Kundus-Fluss, wo der berüchtigte Luftangriff in deutschem Auftrag erfolgte, die Entschädigung anlaufen. Zunächst in Form einer Winterhilfe für die Hinterbliebenen. Darauf haben sich die Bundeswehr und der deutsch-afghanische Anwalt Karim Popal, der die Interessen der Opfer vertritt, geeinigt. Die Bundeswehr werde mit Lastern helfen und Hilfsgüter verteilen.

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