Kritik an Jobcentern : Wenn Qualifizierung als Geheimaktion läuft

Jobcenter dokumentieren Qualifizierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose nur schlampig. So wird sinnlos Geld verbrannt, aber viel schlimmer ist das für die Betroffenen. Ein Kommentar.

Lernt sie gerade etwas Nützliches? Vielleicht. Aber was nützt es, sich fortzubilden, wenn kein Arbeitgeber davon erfährt?
Lernt sie gerade etwas Nützliches? Vielleicht. Aber was nützt es, sich fortzubilden, wenn kein Arbeitgeber davon erfährt?Foto: Silas Stein/dpa

Wer immer schon den Verdacht hatte, manches in der deutschen Verwaltung geschehe vor allem um ihrer selbst willen, darf sich nach einer Beurteilung von Jobcentermaßnahmen zur Qualifizierung von Hartz-IV-Empfängern aus dem Haus des Bundesrechnungshofs bestätigt fühlen:  „Die Jobcenter gefährdeten die Wirkung von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, weil sie in rund 39 Prozent der Fälle die Ergebnisse nicht in ihren IT-Fachverfahren dokumentierten und die Datensätze nicht aktualisierten“, heißt es darin. Und als Konsequenz für die Arbeitslosen, dass ihre Qualifizierungsmaßnahmen komplett sinnlos verpufft sein dürften, zur Erlangung irgendeiner Beschäftigung jedenfalls nicht halfen. Es erfuhr ja niemand je davon.

Der Befund ist mehr als nur ärgerlich. Es geht auch um mehr als die bloße Verschwendung von Millionenbeträgen, von Steuerzahlermillionen. Es gibt offenbar einen Fehler im System. Vielleicht sind die Jobcentermitarbeiter überfordert und vergessen, das, worum es geht, im Computer zu vermerken. Vielleicht haben sie zu viel Macht und Freiraum, dass sie so nachlässig sein können; das beantwortet die Überprüfung nicht. Doch auch so wirft sie ein grelles Licht auf Missstände, von denen jene, die im Hartz-IV-Räderwerk gelandet sind, schon lange berichten: Es geht um die Aneinanderreihung von wirkungslosen Maßnahmen, von als zweckfrei empfundener Beschäftigungstherapie – bis hin zur Geschichte von der Betreiberin einer Bewerbungstrainingsagentur, die, selbst arbeitslos geworden, in Bewerbungstrainingsmaßnahmen vermittelt wurde.

Martin Schulz will mehr Qualifikation bei längerem ALG-I-Bezug

Die Qualifizierungsbranche ist eine gigantische, und sie wird nicht kleiner werden, wenn der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sich mit seinen Vorstellungen vom verlängerten Arbeitslosengeld I plus Qualifizierungsmaßnahmen durchsetzt. Bevor das aber passiert, gehört die Branche einer grundlegenden und gestrengen Effizienzprüfung unterzogen. Denn eins darf man nie vergessen, muss man sich täglich neu vor Augen halten: Es geht bei der Jobvermittlung im Bürokratendeutsch um „Leistungsberechtigte“, das aber sind alles Menschen. Und die knüpfen an eine Fortbildung womöglich die Hoffnung auf ein Ende ihres leidigen Hartz-IV-Daseins. Diese Hoffnung zu enttäuschen, weil es doch keinen Job gibt, ist das eine. Sie zu enttäuschen, weil man unterlässt, einen Datensatz zu aktualisieren, geht gar nicht.

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