Kroatien : Auf leisen Sohlen in die EU

Josipovic zum Staatschef in Kroatien gewählt: Er hatte seinen Wahlsieg nicht zuletzt dem Argument zu verdanken, er werde der allgegenwärtigen Korruption im Land den Kampf ansagen.

Veronika Wengert

Zagreb - Schlohweißes Haar, randlose Brille, zurückhaltendes Lächeln. Fast ein wenig scheu wirkte Ivo Josipovic auf der Bühne, während ihm seine Wahlhelfer und Unterstützer am Sonntagabend zujubelten. Seine Botschaft, dass das Land „PravDA“ brauche, ein Wortspiel aus „Gerechtigkeit“ und „Ja zum Recht“, scheint angekommen zu sein. Sein Wahlsieg bedeute einen „Feiertag der Demokratie“, sagte Josipovic mehrfach. Der 52-jährige Juraprofessor und Komponist konnte in der Stichwahl um das Amt des kroatischen Staatspräsidenten 60,3 Prozent der Wählerschaft von sich überzeugen. Sein Herausforderer, der populistische Zagreber Bürgermeister Milan Bandic, kam gerade einmal auf 39,7 Prozent.

Josipovic hatten seinen Wahlsieg nicht zuletzt dem Argument zu verdanken, er werde der allgegenwärtigen Korruption im Land den Kampf ansagen. Dass ihm die kroatische Wählerschaft dabei folgen würde, hatte sich bereits in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl im Dezember abgezeichnet.

Doch bevor die Korruption tatsächlich wirkungsvoll eingedämmt wird, muss das Land noch einige Hausaufgaben erledigen. Josipovic kündigte unmittelbar nach dem Wahlsieg an, dass er seinen Beitrag dazu leisten werde. Dabei kann er auf die Unterstützung von Premierministerin Jadranka Kosor von der Regierungspartei HDZ zählen. Die allgegenwärtige Korruption in Kroatien gilt als einer der Stolpersteine auf dem Weg des Landes in die Europäische Union. Kroatien hofft auf einen EU-Beitritt bis 2012.

Die kroatischen Medien hatten Josipovic in den vergangenen Wochen als „farblos“ bezeichnet. Denn Skandale und Korruptionsvorwürfe sucht man in seiner Vita vergebens. Josipovic ist ein vielseitiger, leiser Mensch, der hervorragend Englisch und auch ein wenig Deutsch spricht. Politische Beobachter rechnen ihm dies als Pluspunkt im Austausch mit seinen ausländischen Kollegen an. Der scheidende Präsident Stjepan Mesic hatte räumte kürzlich öffentlich ein, es sei ein Nachteil gewesen, dass er in seiner Amtszeit stets auf einen Übersetzer angewiesen gewesen sei.

Mit Blick auf die deutschen Erwartungen an den neuen kroatischen Präsidenten sagt Mirko Hempel, der Leiter des Zagreber Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung, dass man einen aufgeschlossenen Partner bekomme, „der sowohl im Umgang, aber auch im Hinblick auf Sachfragen offen und freundlich agieren“ werde. Dass der Präsident den oppositionellen Sozialdemokraten angehört, sieht Hempel nicht als Nachteil. Vielmehr könne dies mittelfristig zu einer Balance in der kroatischen Innen- und Außenpolitik führen. „Und damit zu Sicherheit und Vertrauen“, so die Einschätzung von Hempel.

Für die Sozialdemokraten ist die Wahl ihres Spitzenkandidaten Josipovic ein Zeichen für einen Aufschwung, zumal 2011 Parlamentswahlen anstehen. Die Regierungspartei HDZ ist dagegen noch damit beschäftigt, die Lehren aus dem Debakel des ersten Wahlgangs zu ziehen. Ihr Spitzenkandidat Andrija Hebrang errang gerade einmal zwölf Prozent der Wählerstimmen. Veronika Wengert

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