Kroatien : Der verhaftete Dritte

Wie Kroatiens Regierungschefin in Wien Fragen zu ihrem Vorgänger ausweicht.

Wolfgang Rössler[Wien]
Foto: REUTERS

Fotos ja, Fragen nein. Gezählte zehn Sekunden lang stellten sich Werner Faymann und Jadranka Kosor am Montag in Wien den Kameras. Danach verließen sie wortlos die Bühne. Es hätte ein ganz normaler Staatsbesuch der kroatischen Regierungschefin bei ihrem österreichischen Amtskollegen sein sollen. Doch Kosors Besuch stand unter dem Eindruck der Verhaftung ihres Vorgängers und Mentors Ivo Sanader am vergangenen Freitag.

Nahe Salzburg hatten österreichische Ermittler den unter Korruptionsverdacht stehenden Sanader festgenommen. Fast vier Millionen Euro soll er bis zu seinem Rücktritt im Sommer 2009 in die eigene Tasche gewirtschaftet haben – das behauptet zumindest der frühere Schatzmeister seiner rechtskonservativen HDZ. Sanader setzte sich ins Ausland ab und wollte in die Vereinigten Staaten flüchten. Doch da hatte die Staatsanwaltschaft in Zagreb bereits einen internationalen Haftbefehl ausgeschrieben. Auf einer Autobahnraststätte klickten dann die Handschellen.

Schon bald könnte er nach Kroatien ausgeliefert werden. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. Es ist nicht überraschend, dass der 57-Jährige ausgerechnet in Österreich gefasst wurde. Seit Jahrzehnten ist Sanader Stammgast im Tiroler Innsbruck, wo er sich einst als Student seine fließenden Deutschkenntnisse aneignete. Schon damals knüpfte er enge Kontakte zu späteren Spitzenpolitikern: Besonders innig war sein Verhältnis zum konservativen Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel. Als Sanader 2003 Premierminister wurde, führte ihn einer seiner ersten Antrittsbesuche nach Wien. Politisch hatte sich Sanader den EU-Beitritt Kroatiens auf die Fahnen geschrieben, Schüssel unterstützte ihn dabei wie kaum ein anderer EU-Politiker.

Besondere Brisanz hat aber Sanaders Draht zum verstorbenen Rechtspopulisten Jörg Haider, der als Landeshauptmann die Expansion der Kärntner Hypo-Bank in Kroatien einfädelte. An den Machenschaften des Kreditinstituts – das den deutschen Kurzzeiteigentümer BayernLB in arge Turbulenzen stürzte – soll Sanader beteiligt gewesen sein, wie aus den jüngsten Wikileaks-Enthüllungen hervorgeht. Vor der Jahrtausendwende soll der damalige Minister einem befreundeten Unternehmer einen Kredit bei der Hypo verschafft und dafür rund 400 000 Euro Provision kassiert haben. Ein früherer Hypo-Mitarbeiter wiederum berichtet von geheimnisvollen Vorkommnissen in einem Kärntner Nobelbordell. Dort soll Sanader ganze Koffer voller Geldscheine bei sich gehabt haben, um sie nach Liechtenstein zu bringen.

Gerüchte kursierten in Kroatien schon während Sanaders Amtszeit. Mit seiner Nachfolgerin Kosor, die sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben hat, überwarf er sich bald. Als er vor einigen Monaten mit einer Namensliste bei den Wahlen antreten wollte, ließ sie ihn kurzerhand aus der Partei ausschließen. Die jüngsten Vorwürfen kommentierte sie kühl: „Die Arbeit liegt nun in den Händen der Staatsanwaltschaft.“

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