Kroatien : Feingeist, Clooney-Kopie oder ein Fossil?

Zwölf Kandidaten traten beim ersten Durchgang der Präsidentenwahl in Kroatien an. Korruptionsbekämpfung ist ein Dauerthema. Seit dem völlig überraschenden Rücktritt des konservativen Premierministers Ivo Sanader (HDZ) im Juli, für den man immer noch keine Erklärung hat, sind mehrere Affären ans Licht gekommen.

Veronika Wengert[Zagreb]

Mit Kapuzenshirt und Jeans fragt der Sänger der kroatischen Rap-Band The Beat Fleet laut ins Mikrofon, ob es überhaupt noch Sinn mache, Kinder in diese Welt zu setzen. Der Mann am Keyboard daneben mag nicht so recht ins Bild passen. Er hat schlohweißes Haar, trägt eine randlose Brille und einen schwarzen Wollmantel. Auf seiner Brust prangt das Logo „PravDA“, ein Wortspiel aus „Gerechtigkeit“ und „Recht, Ja“. Es ist Ivo Josipovic, ein feingeistiger Juraprofessor, Leiter der Zagreber Musikbiennale, Sozialdemokrat, ohne politische Altlasten. Und vielleicht schon bald der dritte kroatische Staatspräsident, der am 18. Februar sein Amt antreten wird. Denn für Josipovic, der Bildungsgleichheit und höhere Renten fordert, wollte nach einer Umfrage bei der Wahl am Sonntag jeder Dritte stimmen. Zwölf Kandidaten bewarben sich um die Nachfolge von Stepan Mesic. Allerdings zeichnete sich eine geringe Wahlbeteiligung ab. Das vorläufige Endergebnis wurde für den frühen Montagmorgen erwartet. Beobachter gehen davon aus, dass eine Stichwahl nötig wird.

Was Josipovic mit seinen Konkurrenten verbindet, ist nicht nur das Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln, sondern auch das Schlagwort „Korupcija“ (Korruption). Gleich welcher politischen Couleur die Kandidaten angehören, dagegen möchten sie alle vorgehen. Auch wenn sie in ihrem angestrebten Amt nur wenig politischen Spielraum haben. Zu den Top-Kandidaten gehört auch der unabhängige Wirtschaftskammer- Chef Nadan Vidosevic. Er ist smart, reich und gilt als „kroatischer George Clooney“. Für ihn wollten bis zu 15 Prozent stimmen, so die Umfrage. Oder der unabhängige Dragan Primorac, Ex-Bildungsminister, der bei der Wahl auf Kriegsveteranen hofft und den jeder zehnte Kroate wählen wollte. Nicht zuletzt könnte der unabhängige Zagreber Bürgermeister Milan Bandic, Dissident der Sozialdemokraten, in die zu erwartende zweite Runde am 10. Januar kommen. Bandic setzt auf die Hauptstadt, in der immerhin fast ein Viertel der Einwohner lebt. Insgesamt waren 4,5 Millionen Kroaten in aller Welt zur Wahl aufgerufen. Dass die Auslandskroaten, deren Zahl auf drei Millionen geschätzt wird, auch wählen dürfen, ist der Opposition immer wieder ein Dorn im Auge. Denn das Ausland wählt traditionell konservativ. Das dürfte Andrija Hebrang, den Spitzenkandidaten der Regierungspartei Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ), freuen. Er gilt als Fossil aus jener Zeit, als der Staatsgründer Franjo Tudjman Kroatien in den neunziger Jahren mit harter Hand regierte. Tudjmans Sohn Miroslav trat ebenfalls an, als Euro-Skeptiker, der „kroatische Werte“ propagiert.

Korruptionsbekämpfung ist ein Dauerthema. Seit dem völlig überraschenden Rücktritt des konservativen Premierministers Ivo Sanader (HDZ) im Juli, für den man immer noch keine Erklärung hat, sind mehrere Affären ans Licht gekommen. Sei es der Verkauf der staatlichen Mineralölgesellschaft Ina oder die vermeintlichen Provisionszahlungen der Hypo-Bankengruppe an Sanader, für vermittelte Kreditgeschäfte in Kroatien. Früher seien Affären unterdrückt worden, seit dem Rücktritt Sanaders gelinge es den Behörden, diese zunehmend offenzulegen. „Hier haben wir große Fortschritte gemacht, ungewiss ist jedoch der Ausgang solcher Prozesse“, sagt der Zagreber Politologe Nenad Zakosek dem Tagesspiegel. Josipovic will noch intensiver daran anknüpfen. Zudem werde kein Anti-Korruptions-Bericht in der Schublade enden, ohne dass die Fälle vor Gericht kommen würden, sagte er dem Tagesspiegel. Die Anti-Korruptions-Ambitionen werden auch bei der EU gut ankommen. Denn Kroatien will beitreten.

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