Krümmel : Brauchen wir die Kernenergie?

Der Wahlkampf hat nach dem Störfall im Atommeiler Krümmel ein Thema. Brauchen wir die Kernenergie?

Dagmar Dehmer,Christian Tretbar

Krümmel ist das erste Schlagwort im Bundestagswahlkampf 2009. Der Störfall in dem Atomkraftwerk, durch den auch die Brennstäbe betroffen sein sollen, hat das Thema Kernenergie wieder auf die politische Agenda gehoben. Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde der Atomausstieg beschlossen. Bis 2021 sollen alle 17 Meiler vom Netz gehen. Union und FDP wollen den Ausstieg rückgängig machen oder zumindest die Laufzeiten verlängern. Deshalb wird in den nächsten Wochen auch wieder darüber diskutiert, wie es weitergehen soll mit den Atomkraftwerken in Deutschland. Ein Überblick der Argumente.

Welche Vorteile hat die Kernenergie?

In Deutschland wird ein Großteil des permanent benötigten Strombedarfs, der sogenannte Grundlaststrom, immer noch über Atomkraftwerke gedeckt. Nach Angaben des Deutschen Atomforums waren es 2008 rund 48 Prozent des Grundlaststroms. Der Rest wurde aus Braunkohlekraftwerken und ein kleiner Teil aus Laufwasserwerken gedeckt. Regenerative Energien können diese Grundversorgung unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht leisten, weil es an Speicherkapazitäten fehlt. 2008 lieferten die Kernkraftwerke laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft 23,3 Prozent des insgesamt erzeugten Stroms. Erneuerbare Energien lieferten 15,1 Prozent. Befürworter befürchten, dass bei einem Wegfall der Kernenergie in Deutschland der hohe Energiebedarf in der Auto-, Stahl- und Maschinenbauindustrie nicht mehr gedeckt werden könnte oder nur durch Energieimporte aus dem Ausland, die dann womöglich aus weniger sicheren Kernkraftwerken kommen könnte.

Ein weiteres Argument der Atombefürworter ist die Klimaverträglichkeit von Kernkraftwerken. Im laufenden Betrieb wird kein Kohlendioxid (CO2) emittiert. Es fällt lediglich beim Uranabbau und den notwendigen Transporten an. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums unter Leitung von Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) vermeidet die Kernenergie in Deutschland jährlich rund 100 bis 150 Millionen Tonnen CO2. Dies entspräche etwa den jährlichen CO2-Emissionen des deutschen Straßenverkehrs.

Drittes Argument der Befürworter ist der Preis. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet vor, dass Kernenergie aus abgeschriebenen Meilern fast die kostengünstigste Energieform sei. 2,65 Cent pro Kilowattstunde koste die Atomenergie in der Erzeugung. Nur die Braunkohle sei mit 2,40 Cent/kWh etwas günstiger. Alles andere sei teurer: Steinkohle 3,35 Cent/kWh, Wasserkraft 4,3 Cent/kWh und Erdgas 4,90 Cent/kWh, Windenergie 9 Cent/ KWh und Fotovoltaik 54 Cent/ KWh.
Außerdem argumentieren die Befürworter mit einer allgemeinen Renaissance dieser Technik. Großbritannien will wieder in die Atomenergie einsteigen, Frankreich verkauft kerntechnische Anlagen in alle Welt, und auch Schweden ist vom Atomausstieg abgerückt.

Was sind die Nachteile?

Für den Betrieb von Atomkraftwerken wird Uran benötigt. Das radioaktive Erz kommt nur in insgesamt elf Ländern der Welt vor. Zudem sind die Vorräte endlich. Je nachdem, wie viele neue Atomkraftwerke gebaut werden, reichen die bekannten Vorräte nach einer Greenpeace-Studie bis 2026 oder höchstens 2070. Sollen die Meiler noch länger betrieben werden, muss der Brennstoff wiederaufgearbeitet werden. Dabei entsteht Plutonium, das auch für den Bau von Atomwaffen verwendet werden kann. Die Atomenergie ist die kleine Schwester der Atomwaffentechnologie und erfreut sich auch deshalb bei autoritären Regimen großer Beliebtheit, siehe Iran.

Atomenergie ist kein Klimaschützer. Zum einen kann damit nur Strom erzeugt werden. Der Anteil der Atomenergie am gesamten deutschen Energieverbrauch, zu dem beispielsweise auch Heizungen und Verkehr zählen, betrug 2008 lediglich 11,6 Prozent. Zum anderen können Atomkraftwerke nur als Grundlastkraftwerke betrieben werden. Soll der Anteil erneuerbarer Energien im Netz steigen, muss das Stromnetz flexibel gesteuert werden. Kraftwerke müssen an- oder ausgeschaltet werden können, je nachdem, wie groß das Angebot an Wind- oder Solarstrom ist. Mit Atomkraftwerken ist das aber nicht möglich. Damit werden sie zur technischen Bremse für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Atomenergie ist eine Risikotechnologie. Gäbe es einen schweren Unfall, wie eine Reaktorschmelze – so geschehen in Tschernobyl 1986 –, sind ganze Landstriche auf Jahrzehnte unbewohnbar. Doch selbst im Normalbetrieb gibt es Risiken. So liegt der Anteil an Kindern, die an Leukämie erkranken, im Umfeld von Atomkraftwerken deutlich höher als anderswo. Zwar konnte bisher niemand erklären, woran das genau liegt. Aber die statistische Häufung ist nicht zu leugnen. Zudem muss Atommüll mindestens eine Million Jahre verwahrt werden. Bisher verfügt aber noch kein Land über ein Endlager.

Was die behauptete Renaissance angeht: Ende 2008 wurden weltweit 438 Reaktoren betrieben, fünf Jahre vorher waren es noch 444. Gegen die Technologie sprechen die hohen Kosten. Ein neues Atomkraftwerk kostet mindestens drei Milliarden Euro. Doch selbst Atomstrom aus abgeschriebenen Anlagen ist für die Verbraucher nicht billig. Er wird zwar billig erzeugt, aber nicht billig verkauft. Der Strompreis bildet sich an der Leipziger Strombörse immer entlang des teuersten gerade betriebenen Kraftwerks.

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