Kuba : Enges Land, weiter Horizont

Mehr als ein Jahr ist Fidel Castro krank. Das Leben auf Kubas Straßen geht weiter wie bisher. Kaum jemand glaubte bislang an Veränderungen. Doch nun zeigen sich die ersten Zeichen einer neuen Zeit.

Helmut Schümann[Havanna]

Das Meer ist irgendwie anders, irgendetwas fehlt. Die Sonne ist da, sie geht gerade unter im Golf von Mexiko. Die Unendlichkeit, der Horizont, die Sehnsucht, sanfte Wellen, alles da, was so ein Meer braucht, um Träume zu wecken. Unendlichkeitsträume, Sehnsuchtsträume, Liebesträume: Die Sonne versinkt. Und irgendetwas fehlt.

Boote. Es sind die Boote, die fehlen. Keine Jolle dümpelt im Wasser vor dem Malecon, keine Jacht tuckert auf Havannas Hafen zu, kein Segel, nichts, nirgends, keine Planke, nichts, worauf man treiben könnte, durchs Leben, auf den Wellen, über das Meer. Über das Meer, hinüber die paar Meilen nach Key West, Florida, USA. Und dann fällt es einem gerade noch ein: in die Freiheit. Stimmt ja, das ist hier Kuba, der unfreie Sozialismus, Fidel Castros Patriarchat, ein Unrechtsregime. Und deswegen sind keine Boote zu sehen, weil die Menschen hier keine haben dürfen, selbst, wenn sie das Geld dafür hätten, sonst wären sie damit längst weg, mit den Booten nach drüben, Key West, Florida, USA, in die Freiheit. Kuba, das ist das tropische Eiland, ein Gefängnis mit dem Meer als Zaun. Fast hatte man es vergessen, besser: verdrängt in diesen Tagen in den Straßen und Gassen von Havanna, in denen das Leben, ja was, blüht?

Diese Tage, das meint eine Reise zu einer Gute-Laune-Show, zur „The Bar at Buena Vista Grandfathers of Cuban Music“, die sich unter diesem Titel anhängt an Wim Wenders und Ry Cooder, die vor mehr als zehn Jahren die Musiker des Buena Vista Social Club berühmt gemacht hatten. Anfang Februar ist die Show auch in Berlin zu sehen, im Admiralspalast, und wenn sie hält, was die Proben im Souterrain eines heruntergekommenen Hauses in Havannas Stadtteil Vedato versprachen, wird es eine mitreißende Show werden mit der gleichermaßen fülligen wie stimmgewaltigen Siomara, mit dem 87 Jahre alten Reynaldo Creagh und im Jazz weltberühmten Musikern wie dem Trompeter Julio Padron. Sie werden ein Bild in die Welt tragen.

Dieser Tage, das ist aber auch die Götterdämmerung. Fidel Castro, 81 Jahre alt inzwischen, der Maximo Lider, ist – weg. Er führt sein Volk nicht mehr, ist krank seit mehr als einem Jahr, sterbenskrank. Vor einem Monat wurde ein Radiointerview mit ihm gesendet. Ob es ein echtes war oder eins, das vortäuschen soll, dass das Charisma des heutigen Kuba noch lebt, wer weiß das so genau. Die Macht und die Staatsgeschäfte hat sein Bruder Raul übernommen.

Der ist jetzt auch schon 76 Jahre alt, Götterdämmerung eben. Aber hatte man nicht all die Jahre angenommen, dass Kuba zur Freiheit und Demokratie findet, wenn Castro erst weg ist, dass dann das Volk aufsteht und den Sozialismus hinwegfegt und dann auch diese Bastion zusammenbricht wie der Kommunismus in Osteuropa? Vor zwei Wochen erst hat Amerikas Präsident George W. Bush diesen Glauben in einer merkwürdigen Rede bekräftigt und das seit 1962 existierende politische und wirtschaftliche Embargo gegen Kuba auch. Es könnte ein Irrglauben sein. Denn nichts passiert, kein Aufstand, keine Demonstration, kaum ist Unmut zu vernehmen. Wenn das daran liegen soll, dass Militär, Polizei und der Geheimdienst die Knute nun besonders scharf schwingen, dann ist davon in Havanna nichts zu spüren.

Man kann sich Havanna auf zweierlei Weisen nähern. Einmal romantisch, verklärend, man hat dann das Che-Plakat aus der Küche der westdeutschen Altlinken im Herzen und den entsprechenden Song auf den Lippen: „… la entranable transparencia, de tu querida presencia, Comandante Che Guevara.“ So eingestimmt kann man durch das Weltkulturerbe Havanna schlendern, durch Habana Vieja, die renovierte Altstadt mit ihren barocken und neoklassischen Bauelementen, oder durch die Calle Obispo, die wohl so eine Art Einkaufsstraße ist, aber eben auch eine Insel im Merkantilismus, weil die Globalisierung hier noch nicht die immer gleichen Markenläden und Labels aufgebaut hat.

Das ist ein durchaus angenehmes Gefühl, und der verklärte Altlinke möchte sich da in der Calle Obispo zu gerne vorgaukeln, dass der Sozialismus vielleicht doch eine Chance hat. Und am Ende der Calle, nach ein, zwei Daiquiries im „La Floridita“, wo schon Hemingway soff, und mit Blick auf die alten Straßenkreuzer ist er, der verklärte Altlinke, fast schon bereit, das Embargo zu preisen, weil es die Starbucks-Heuschrecken hindert, Havannas Charme aufzufressen.

Che Guevara spaziert übrigens mit durch die Gassen, er ist allgegenwärtig, er ist auf Postkarten zu sehen, auf Wänden, auf Plakaten, und leibhaftig bietet er sich in allen Altersstufen gegen Entgelt als Fotomotiv an, mal mit, mal ohne Zigarre. Vielleicht trägt das ein klein wenig zur Geduld bei, mit der die Kubaner den Mangel und die Unfreiheit hinnehmen: dass sie einerseits eine echte Revolution gewonnen haben, als Castro, Che und die Getreuen 1959 auf der Jacht Granma von Mexiko rüberkamen und zusammen mit dem Volk den Diktator von Washingtons Gnaden, Fulgencio Batista, ins Exil jagten. Und dass sie in Che einen Popstar haben, einen eigenen James Dean, hasta la victoria siempre.

Es ist aber leider auch so: Der verklärte Altlinke kann seine Augen gar nicht so fest zukneifen, um nicht auch die andere Realität zu sehen. Ein paar Schritte weiter nur, im Centro Habana, westlich des Prado, hinunter bis zum Malecon, über den als weltbekanntes Motiv die Gischt über die Straße sprüht, ist die Armut zu sehen, heruntergekommene, einsturzgefährdete Häuser, die längst nicht alle fließendes Wasser haben und in denen der Strom allzu oft ausfällt. Dann sieht er auch die Läden, in denen die Kubaner, die keine Dollars haben oder konvertible Pesos, die Währung der Touristen, einkaufen. Das heißt, wenn sie einkaufen, wenn etwas da ist.

Und da nützt es den Bewohnern auch nichts, wenn ihre Häuser bei allem Verfall immer noch eine Bausubstanz haben, die, saniert, das Potenzial hat, Havanna zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Und möglicherweise kommt es den Kubanern auch nur als salonlinker Zynismus vor, wenn man ihre Armut mit dem Elend in Lateinamerika oder Afrika vergleicht. Selbst wenn es ja stimmt, dass die Kubaner auch ohne Geld zu essen haben, wenn auch nur auf Lebensmittelkarten, und Gas und Strom und Wasser subventioniert sind. In die Paladare, das sind halbprivate Restaurants in Privatwohnungen, etwa in den traumschönen „Paladar La Guarida“ in der Calle Concordia No. 418 e, zu dem man gelangt, wenn man in einem dieser Häuser vier Stockwerke durch ein malerisches Treppenhaus aufsteigt, vorbei mit schlechtem Gewissen an den winzigen Wohnungen mit zu vielen Bewohnern, und in dem man dann sitzt, bei köstlichsten Speisen in wunderbaren Räumen und in denen man die Schönheit Havannas und des Lebens an sich preist, in diese Paladare kommt das Gros der Havanner mit seinem monatlichen Durchschnittseinkommen von 14 Euro nicht.

Die andere Herangehensweise an Kuba ist die weniger idealisierende. Die sich auf Fakten stützt und vielleicht auch auf ein historisch gefüttertes Urteil über die Schlechtigkeit des Sozialismus. Die sieht schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt die Massen von Menschen, die an den Straßen stehen und auf eine Mitfahrgelegenheit warten, weil es ein funktionierendes Transportsystem nicht gibt. Die sieht die Schattenwirtschaft des schwarzen Marktes, auf dem einen auf Schritt und Tritt Havannas angeboten werden. Oder die lebt die Ineffizienz der sozialistischen Arbeitswelt an einem Nachmittag auf der Terrasse des „1830“, einem angesagten Restaurant in Havanna, wo drei Gäste auf Bestellung und Lieferung der Drinks warten und neun Kellner mehr oder weniger gelangweilt in den Tropenhimmel schauen, in dem sich ein Unwetter anbahnt.

Mit dieser nüchternen Annäherung an Havanna weiß man über die politischen Gefangenen des Regimes. Weiß von fehlender Presse- und Redefreiheit und kann allenfalls lächeln über den etwas kindlichen Streich, mit dem das Regime den Einfluss der USA unterbinden will: Vor der amerikanischen Interessenvertretung und die an ihrem First auf einem elektronischen Laufband verbreiteten US-Parolen hat es aus Angst vor der Kraft des Wortes einen Wald aus schwarzen Fahnen aufgestellt. Und schließlich trägt zur Ernüchterung auch der Gestank der Verkehrsstraßen bei, in denen die Abgase in lilafarbenen Schwaden stehen, als ob ein Umweltprogramm als kapitalistischer Unfug gilt.

Aber auch der nüchterne Besucher wird nicht umhinkönnen, Kubas Fortschritt zu erkennen. Die jährlichen Steigerungsraten der kubanischen Wirtschaft von drei bis sieben Prozent sind erwiesen. Andere Vorzüge heben UN- Statistiken hervor: Im Bildungssystem, in der Gesundheitsversorgung, im Finanz- und Steuersystem gilt Kuba den UN als Modellstaat für andere Entwicklungsländer. Und da kann der nüchterne Skeptiker seine Augen auch noch so weit aufreißen, er wird beim Gang durch Havanna keine Verelendung finden, er muss sich nicht vor mehr Kriminalität fürchten, als sie in einer Großstadt mit hohem Touristenanteil weltweit üblich ist, und ausufernde Prostitution als Beleg der Verzweiflung wird er auch nicht anprangern können. Nicht mal eine erhöhte Militär- oder Polizeipräsenz kann er als Beleg für die Misere des Sozialismus anführen.

Havanna, Kuba, Sehnsuchtsort Amerikas, wo es rauschende Feste feierte in den Zeiten der Prohibition, und vielleicht deswegen glaubt, freien Zugriff zu haben auf die Insel, die wie ein kleiner Riegel zwischen den USA und Südamerika liegt. Und wo die Alternative hartnäckig geprobt wird. Ein sich unabhängig von den USA entwickelndes Kuba, das erstarkt – mit kräftiger Unterstützung Venezuelas und dessen Erdöls – und am Ende womöglich überlebensfähig ist, das ist, als zeige die kleine Insel der Macht jenseits des Meeres die lange Nase.

Havanna, Kuba, Sehnsuchtsort auch der Idealisten, der letzten Linken der Welt, denen die Wahrheit über den Kommunismus in Osteuropa die Argumente geraubt hat. Könnte ja sein, dass Kuba, sehr spät zwar, den Che an der Küchenwand rechtfertigt. Dazu müssten allerdings die Boote kommen.

Im „La Floridita“ spielt sehr elegisch eine Band, „Guantanamera“ und natürlich, „Comandante Che Guevara“. Ansonsten singen die „Platters“ vom Band „Only you“. Am Nebentisch wird Coca-Cola gereicht, das Gesöff des Klassenfeindes. Der Kellner versteht die Frage nach dem Embargo nicht. „Sie können auch Cola light haben“, sagt er. Die Boote werden kommen, einige sind schon da.

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