Politik : Kühle Premiere mit ersten Touristen am Ende der argentinisch-britischen Insel-Eiszeit

Martin Arn

Der Empfang war frostig, und das lag nicht nur am schneidenden Wind und den Minustemperaturen: Mehr als zwei Stunden mussten die 70 Passagiere des LanChile-Flugs 991 am vergangenen Wochenende auf dem britischen Militärflugplatz Mount Pleasant ausharren, ehe sie als erste argentinische Touristen nach mehr als 17 Jahren die Falkand-Inseln (Islas Malvinas) betreten durften.

Mit vertraut britischer Gründlichkeit wurden die 127 Gepäckstücke der Besucher einzeln durchsucht. Zwei britische Offiziere klärten die argentinischen Besucher nach der ebenfalls akribischen Passkontrolle über die Gefahren auf, die von den Hunderten auf der Insel verstreuten Landminen ausgehen. Es seien argentinische Landminen, wie die Militärs mehrmals klarstellten.

Bereits vor der Ankunft hatten 300 der insgesamt 2200 Inselbewohner dagegen protestiert, dass Argentiniern künftig der Besuch der Inseln gestattet ist. Bisher durften lediglich Angehörige von argentinischen Kriegsopfern, die auf den Inseln begraben sind, einreisen. Im Juli jedoch einigten sich die Regierungen in Buenos Aires und London darauf, ihre Beziehungen weiter zu normalisieren und die strikten Einreisebeschränkungen zu lockern.

Allerdings dürfen weiterhin keine argentinischen Maschinen auf die Falklands fliegen. Deshalb nahm die chilenische Gesellschaft LanChile am Wochenende ihren im März aus Protest gegen die Verhaftung Augusto Pinochets unterbrochenen Flugverkehr wieder auf. Die chilenische Airline will vorläufig einmal wöchentlich von Santiago via Puerto Montt und Punta Arenas das Insel-Archipel anfliegen. Ab Oktober soll dann auch ein Zwischenstopp im argentinischen Rio Gallegos hinzukommen.

1982 hatte die geschwächte argentinische Militärjunta die Inseln, seit 1833 britisches Kolonialgebiet, besetzt - um so das aufgebrachte Volk hinter sich zu bringen. Rund 1000 Opfer, davon 652 zumeist untrainierte argentinische Soldaten, forderte der Krieg. Als nach zehn Wochen in der Falkland-Hauptstadt Port Stanley die britische Flagge wieder gehisst wurde, mussten die argentinischen Generäle abdanken.

Sukey Cameron, eine Repräsentantin der britischen Regierung im Inselparlament, hatte schon vor der Ankunft der argentinischen Delegation, die vorwiegend aus Kriegsveteranen und Journalisten bestand, klar gemacht, dass es "kein Begrüßungszeremoniell" geben werde. Sie wies zudem darauf hin, dass die Kelpers, wie sich die Inselbewohner nennen, "hundertprozentig britisch und nicht argentinisch sind".

Eine Ansicht, die auch 17 Jahre nach dem Krieg und der Rückkehr zur Demokratie nur die wenigsten Argentinier teilen: Für mehr als 90 Prozent der Bevölkerung sind die "Malvinas" argentinisch. Und selbst der angesehene Publizist und Fernsehmoderator Mariano Grondona, der im vergangenen Jahr mit einer Sondergenehmigung aus London die Insel besuchen durfte, bezeichnete die Falklands unlängst scherzhaft als "argentinische Provinz", allerding mit dem Hinweis darauf, dass es "zweifellos diejenige mit der besten Verwaltung und dem höchsten Lebensstandard" sei.

Argentiniens Präsident Carlos Menem, der sich als Sieger der zähen Verhandlungen mit London und seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen 1990 als eigentlicher Friedensstifter sieht, hat sich bereits in die Passagierliste von LanChile eintragen lassen. Er möchte sich am Ende seiner Regierungszeit auf den Inseln im Südatlantik noch einmal richtig in Pose werfen: Der exzentrische Präsident denkt seit neuestem laut darüber nach, ob man ihn wegen seiner Verdienste nicht für den Friedensnobelpreis nominieren müsste.

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