Politik : Kühler Kopf im Kalten Krieg

Hermann Rudolph

Wer Egon Bahr sagt, sagt auch Ostpolitik. So verkündet es mittlerweile die Zeitgeschichte. Aber was war die Ostpolitik? Zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Jahrzehnte davor so weit im Gedächtnis abgesunken, dass es schon schwer fällt, in Erinnerung zu rufen, was dieser Mann über die längste Zeit der Nachkriegsgeschichte für die deutsche Politik darstellte. Ostpolitik war ja nicht nur Politik nach Osten, sondern der kühne Versuch einer politischen Selbstbestimmung, ja einer Selbstentfesselung aus den Zwängen des ost-westlich erstarrten Europas, und Egon Bahr stand in ihrem Mittelpunkt: als Architekt und Interpret, als Strippenzieher und Parolengeber. Über die von ihm in die Welt gesetzten Leitbegriffe, "Wandel durch Annäherung" und "gemeinsame Sicherheit" erregte sich die Nation.

Es gehörte zu diesem Bild, dass Bahr mit Lust die Rolle der grauen Eminenz spielte. Der kleine Mann im korrekten Anzug, oft mit hochgeschlossener Weste provozierte die deutsche Politik mit seinen langen, dialektisch gewundenen Ausführungen, die mit Vorliebe vorgaben, das Undenkbare zu denken. Immer zugleich "Taktiker und Idealist", wie Peter Bender, sein Bruder im ostpolitischen Wollen, schreibt, verband er die Analyse mit dem politischen Handeln, bis in die anrüchigen Zonen der Geheimdiplomatie hinein. Der Wagnisdenker war vielleicht der wichtigste Kopf in jenem kleinen Kreis, der im Berlin der sechziger Jahre unter dem Schock des Mauerbaus die neue Ostpolitik entwickelte. An der Seite von Willy Brandt war er dann der Stellwerker für ihre praktische Umsetzung in den Verträgen mit Moskau, Warschau und Ostberlin, die die deutsche Politik Anfang der siebziger Jahre auf einen neuen Plafond setzten.

Auch deshalb schossen sich die Kritiker der Ostpolitik vornehmlich auf Bahr ein. Allerdings hat er selbst der problematischen, auch nicht immer aus ehrenwerten Motiven gespeisten Kritik Vorschub geleistet, auch durch eine Vertraulichkeit im Umgang mit den kommunistischen Verhandlungspartnern, den Gromyko, Falin, Axen e tutti quanti, die seine Ziele ins Zwielicht rückten.

Seine Politik hatte tatsächlich ihre fragwürdigen Seiten. Natürlich war Bahr nie - wie geargwöhnt wurde - Nationalist oder Neutralist. Aber seine Fixierung auf eine europäische Sicherheit und die Zentrierung seines Denkens in einem Leitbild, das den Kontinent ganz aus seiner Mitte, ja aus der deutschen Situation heraus dachte, brachte ihn oft in Gefahr, von dem Weg abzukommen, der den Deutschen möglich war.

Bahr hat die bittere Quittung dafür bekommen, ausgestellt von der Geschichte selbst. Der Mann, dessen Denken und Handeln sein Leben lang um die deutsche Einheit kreiste, der von sich sagen konnte, dass sein Lebensweg "von Berlin über den langen Umweg Bonn nach Berlin zurückführte" - Mauerfall und deutsche Einheit erwischten ihn auf dem falschen Fuß. Diese Situation war in den scharfsinnig aufgebauten Überlegungen des großen Strategen, die auf die allmähliche Transformation der ost-westlichen Verhältnisse gerichtet waren, nicht vorgesehen. Schlimmer noch: Sie schlossen sie als Gefahr nachgerade aus.

Doch die danach aufgeworfene, vorwurfsvolle Frage, ob denn die Bahrsche Ostpolitik die Einheit nicht nur nicht befördert, sondern sie, im Gegenteil, durch die Stabilisierung des Ostens verzögert habe, ist dennoch von der Art, dass sie ihren Urhebern im Halse stecken bleiben sollte. Dieser gebürtige Thüringer, aufgewachsen im sächsischen Torgau und zum Berliner geworden, hat Krieg und die Teilung Deutschlands stärker erlebt als viele andere. Das drängte den Journalisten - in den frühen Nachkriegszeiten auch beim Tagesspiegel - in die Politik.

Bahr kann für sich in Anspruch nehmen, dafür gelebt zu haben. Die Einladungen in den Reichstag und zum Staatsakt am 3. Oktober 1990 habe er, schreibt er, abgesagt. Um diesen großen Tag "in den Straßen meiner Stadt und unter ihren Menschen still zu genießen". An diesem Montag wird Egon Bahr achtzig Jahre alt.

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