Politik : Künast in Baden-Württemberg: Die Trillerpfeife bleibt in der Tasche

Andreas Böhme

Das sieht nach harmonischem Erntedankfest aus mit den beiden dekorativen Gemüsekörben neben dem Rednerpult. Obwohl: Hinten an der Wand lehnt ein Protestplakat, und angeblich haben 50 Bauern im Saal Pfeifen in der Tasche, mit denen sie die Verbraucherschutzministerin Renate Künast niedertrillern könnten. Selbst die Baar, dieser karge Landstrich zwischen Schwarzwald und Schweizer Grenze, ist derzeit nicht frei von Hysterie: Gerade erst hat wieder eine Schulklasse unter dem Druck der veröffentlichten Meinung auf ihre England-Fahrt verzichten müssen, weil die Bauern eingeschleppte Viren der Maul- und Klauenseuche fürchten.

Der Bauernaufstand aber fällt aus, die Trillerpfeifen bleiben in der Tasche. Selbst, als Künast "Klasse statt Masse" fordert, von den "Drogendealern" spricht, "die durch die Ställe schleichen", den Bauern "Doppelmoral" vorwirft und beharrt auf dem Schlachten ganzer Herden, selbst wenn nur ein einziges Tier erkrankt. Die Schweiz handelt großzügiger, so hätten es auch die Schwarzwälder gern. Nur einer grummelt "Scheißdreck", aber das ist die gleiche unprätentiöse Sprache, die auch Künast pflegt. Noch zwei, drei Zwischenrufe, dann ist der Saal ganz Ohr. Undenkbar vor wenigen Wochen: 600 Besucher auf einer grünen Wahlkampfveranstaltung in der stockkonservativen südbadischen Provinz. Als Künast ihr "magisches Sechseck" ausbreitet mit den Veränderungen, die es braucht im Geflecht zwischen Erzeugern, Handel und Verbrauchern, da reihen sich die protestbereiten Bauern schon artig in die Schlange am Fragemikrofon.

In Stuttgart tafelt Stunden zuvor Staatsrat Konrad Beyreuther mit Journalisten und zieht bei Rindermedaillons und Spätburgunder Bilanz. Erwin Teufel hatte den hochrennomierten Heidelberger Alzheimer-Forscher als Feigenblatt ins Kabinett berufen, nachdem BSE ins Ländle schwappte und die glücklos agierende Agrarministerin nicht dafür taugte, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Beyreuther allerdings taugt nicht für den Wahlkampf. Er sieht sich "allen Parteien verpflichtet" und eigentlich ist ihm "wurscht", wer am Sonntag gewinnt.

Der Forscher und die Politikerin zeigen das gleiche Qualitätsbewusstsein für Agrarprodukte und die gleiche Offenheit im neuen Job: Der eine durchstreift Schlachthöfe wie Fachministerien, die andere Forschungsstätten wie das Tübinger Referenzlabor, denn sie will "nicht nur die anhören, die von den Landwirtschaftsministern immer angehört wurden". Folgenden Satz hat Künast gesagt, er könnte auch von Beyreuther stammen: "Die mit dem Stallgeruch haben das Problem organisiert, das wir heute haben." Die ohne wollen es aufräumen.

Dabei kommt der obersten Verbraucherschützerin im Schwarzwald eine kleinteilige Struktur entgegen: Viele Bauern wirtschaften extensiv, haben sich vor Jahren (vergeblich) für einen regionalen Schlachthof eingesetzt, der lange Transporte erübrigt und nun wieder in Mode kommt. Höfe, für die gläserne Produktion nichts Neues ist, wohl aber die Einigkeit gegen die Verbandspräsidenten. "Lassen Sie sich nicht einlullen von den Bauernvertretern", warnt ein Höhenlandwirt in breitem Alemannisch, "die haben noch nicht begriffen, wo wir stehen. Wir Landwirte aber haben dem Verbraucher gegenüber eine große Bringschuld."

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