Kultur und Politik : Das Neue denken

Die Politik hat sich entideologisiert und ist weitgehend frei von allem Philosophisch-Kulturellen. Ihr Lehrmeister ist die Globalisierung. Das muss sich ändern.

Peter von Becker
Peter von Becker
Peter von Becker, Kulturautor.Foto: Thilo Rückeis

Früher, ja früher, da waren Wahlschlachten auch Kulturkämpfe. Ein heimgekehrter Emigrant gegen ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, diese Konstellation, verkörpert von Willy Brandt und Kurt Georg Kiesinger, stellte vor 40 Jahren zwei eben noch loyale Großkoalitionäre, den CDU-Kanzler und seinen sozialdemokratischen Vize und Außenminister, gegeneinander. Funktional gleicht das dem heutigen Fall – aber der größere Rest ist Geschichte. Ist jener historische, personelle, werte-kulturelle Widerspruch und Widerstreit, der zwischen nachschröderscher SPD und übermerkelscher CDU nicht mehr zu existieren scheint.

Kultur spielt in diesem Wahlkampf politisch keine Rolle. Wenn sich Günter Grass wie eine Geisteserscheinung auch diesmal noch ein bisschen einzumischen sucht, als alt und leiser gewordene EsPeDe-Krähe, dann bleibt das eine Randerscheinung. Die Kanzlerin ist ohnehin nur ein Feriengast in Bayreuth (zwischen Pflicht und Walküre), und der Kultur, die rein ordnungspolitisch trotz Staatsminister im Kanzleramt überwiegend Sache der Länder und Kommunen ist, ihr geht es in Deutschland ohne aktuelle politische Einmischung noch ziemlich gut.

Denn das ist zunächst mal die große Überraschung der Finanzkrise: Weil plötzlich die Staatsmilliarden im wahnwitzigen Überfluss fließen, kommt es auf das Kleinzeug im Budget für den Moment gar nicht mehr an. Kulturinstitutionen belasten Peanuts mal Daumen ohnehin nur etwa ein bis zwei Prozent der gesamten öffentlichen Haushalte. Und wenn die Last nicht nur ideell, sondern wegen der in Theatern, Opernhäusern, Museen und Orchestern gesicherten Arbeitsplätze mitsamt den „Umwegrenditen“ durch Tourismus, Gastronomie und Standortattraktivität eigentlich eher leicht wiegt, dann wird die Aufrechnung zwischen „Aida“-Kostümkosten und Kita-Plätzen meist zur Milchbubenrechnung. In Deutschland generiert die Kultur-Branche, einschließlich Film, Musikindustrie und Teilen der sogenannten „Kreativwirtschaft“, jährlich bereits mehr Umsatz als die Chemie-Industrie.

Was nicht heißt, dass jede neue Kunsthalle oder jedes nachgemachte Stadtschloss unbedingt sein müssen. Aber die Grundstimmung, in Krisenzeiten zuerst an Kultur und Bildung zu kürzen – wie das noch vor wenigen Jahren politischer Usus war –, sie hat sich in letzter Zeit aus vielerlei Gründen, vor allem angesichts neuer Zukunftsfragen in der Arbeits- und Freizeitgesellschaft, in Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt- und Sozialpolitik, dramatisch geändert.

Welche Macht tiefgründende Kulturen noch heute in der Welt besitzen, hat der Westen nicht bloß im Konflikt mit islamischen Fundamentalisten erfahren. Auch das Gegenteil, die völlige kulturelle Entleerung und der Verlust ethischer Werte, zeugt mörderische Gewalt: symbolisch im Internet und real in dem, was täglich in zerrütteten Familien geschieht, auf Schulhöfen, in U- und S-Bahnen, nicht nur in München-Solln.

Da gibt’s kein Patentrezept, außer dem berechtigten Ruf nach „Mehr Erziehung, Mehr Bildung!“. Doch müsste vielmehr noch ein grundlegender kultureller, politischer Diskurs beginnen über die sozialen und lebenskulturellen Kosten der globalkapitalistischen Moderne. Dabei geht es dann auch ums Geld, aber um etwas Humaneres als nur konsumorientierte Verteilungsgerechtigkeit. Und es gibt ja auch ein paar nationale, deutsche Punkte.

So hätte ich mir beim TV-„Duell“ vor einer Woche an die ostdeutsche Bundeskanzlerin und den westdeutschen Außenminister im Jahr 20 nach dem Mauerfall eine ganz einfache Frage gewünscht: Wenn Sie eine sympathische ausländische Familie wie beispielsweise die Obamas mit ihren zwei Kindern als Gäste nach Deutschland einladen würden – denken wir uns den Präsidentenstatus mal weg –, warum ginge das nicht auf einem Bauernhof im schönen Thüringen, nicht in der Sächsischen Schweiz, an keinem stillen See in Mecklenburg-Vorpommern und nicht auf den Spuren von Fontanes berühmten märkischen Wanderungen in Brandenburg?

Warum ginge das mitten in Deutschland nicht ohne akute Lebensgefahr? Die Frage rührt an die wahre Wunde der Einheit, rührt an einen andauernden zivilisatorischen und lebenskulturellen Skandal: nach zwölf Jahren Nazidiktatur, nach 40 Jahren kleinbürgerlicher, halbnationalistischer SED-Weltabschirmungsherrschaft, nach 20 Jahren demokratischer Permissivität und dem Leugnen von No-go-Areas.

Verändert hatte sich schon vor der globalen Finanzkrise in Teilen der bisher relativ unerschütterbaren Wohlstandsgesellschaften die Einstellung zu religiösen oder auch säkular-naturrechtlichen Werten. Merkwürdigerweise korrespondiert das wachsende Bedürfnis gerade jüngerer Menschen, in der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ ein paar neue (oder auch alte) Schutzschirme aufzuspannen, gerade in der deutschen Politik mit deren weitgehender Entideologisierung.

Am wenigsten gilt das derzeit noch für die FDP und die Linken, doch an den Spitzen geht die Tendenz allemal von den markt- oder marxradikalen Fundis zu den Realos. Kultur lebt freilich eher von reizvollen Widersprüchen – das gilt für den Kern aller Kultur, für die Künste, ohnehin. Auch die Politik, obwohl nur die „Kunst des Möglichen“, bräuchte in ihren unzähligen Sachzwängen als gestalterischen und nicht bloß funktional-funktionärshaften Anreiz wieder öfter das Überraschende, die gedankliche Grenzüberschreitung, die Imagination des Neugewagten.

Im Moment aber kennt die deutsche Politik, von allem philosophisch-kulturell übergreifenden Denken, nur einen wirklichen Lehrmeister: die Globalisierung. Zu ihr gehört die weltweite Migration, und seit kurzer Zeit erst hat deren Folgen auch die CDU/CSU offiziell begriffen. Kaschiert mit dem Unwort „Zuwanderung“ gilt Deutschland inzwischen selbst den Konservativen als Einwanderungsland. Vereinfacht gesagt: Kulturell oder sportlich Interessierte haben dabei erfahren, dass heute Künstler wie Fatih Akin international den deutschen Film repräsentieren oder dass sich die Siegernamen der jüngsten deutschen Fußballeuropameister, ob bei den Frauen oder der Junioren-Nationalmannschaft U 21, oft sehr viel bunter lesen als nur Poldi und Schweini. Dank dieser Einsicht haben die Christdemokraten ihre „deutsche Leitkultur“, die etwas unangenehm anderes meinte als schieren Verfassungspatriotismus, inzwischen begraben dürfen.

Es gibt noch einen zweiten Ideologieabschied und Politkulturwechsel: Die Finanzkrise hat in Deutschland die Angst vor dem eingreifenden starken Staat entzaubert. Andererseits lehrt die globale Finanzkrise selbst die Linken, dass völlig marktfremde nationale Alleingänge kaum möglich sind. Das wäre eigentlich die politisch-kulturelle Stunde für ein erneuertes europäisches Projekt, auf intellektueller Augenhöhe mit Amerikas neuem Präsidenten Obama. Doch der Einzige, der diesen geschichtlichen Moment auf seine freilich nur egomanisch begrenzte Weise mitunter zu spüren scheint, ist Monsieur Sarkozy...

So bleibt im Grauingrau eines deutschen – und europäischen – Krisenbewältigungspragmatismus bisher auch kaum Raum für ein Stück wirklich neuer politischer Kultur: für die von einigen Ökonomen, Klimaforschern und Sozialphilosophen international bereits angestoßene Debatte über eine Wirtschaft, deren finanzielles und gesellschaftliches Gelingen womöglich vom Zwang zum unaufhörlichen (und reinsachlogisch: unmöglichen) Wachstum befreit wäre. Der Gedanke ist angesichts sinkender Ressourcen und steigender Klimagefahren die in Zukunft unvermeidliche Herausforderung für Rechts und Links, und er wäre längst einen fundamentalen politischen Kulturkampf wert.

Denn die Herausforderung betrifft ja nicht nur die Fachexperten der politischen Klasse, sie stellt für selbstverständlich genommene Lebens- und Arbeitsformen der Gesamtgesellschaft infrage, weit über kurzfristige Gruppenegoismen von Kapitaleignern, Arbeitnehmern und Konsumenten hinaus. Der Gedanke rührt tatsächlich an die Einsicht in Shakespeares „Hamlet“, dass es „zwischen Himmel und Erde“ noch mehr geben mag, „als sich unsere Schulweisheit träumen lässt“.

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