Kulturpreis aberkannt : Hessen-FDP geht im Fall Kermani auf Distanz zu Koch

Der hessische Landtag streitet über die Vergabe des Kulturpreises, der dem Publizisten Navid Kermani unter Vorsitz von Ministerpräsident Koch aberkannt wurde. Diesen Vorgang findet nicht nur die Opposition in Wiesbaden "skandalös".

Christoph Schmidt Lunau

WiesbadenZwei Stunden lang diskutierte der hessische Landtag am Donnerstag erstmals über die Vergabe des diesjährigen Kulturpreis des Landes, die Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) als „Staatsposse“ kritisiert hatte. Doch der Hauptakteur und Adressat der öffentlichen Kritik, der Vorsitzende des Preiskuratoriums, Ministerpräsident Roland Koch (CDU), ließ auch diese Gelegenheit ungenutzt, sein umstrittenes Vorgehen zu erläutern.

Selbst sein Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) ging auf Distanz zum Regierungschef. Das Kuratorium hatte dem Publizisten Navid Kermani, der Muslim ist, den Preis wieder aberkannt, nachdem die vorgesehenen christlichen Preisträger, Kardinal Karl Lehmann und Ex-Kirchenpräsident Peter Steinacker wegen massiver Bedenken gegen einen Text Kermanis über das Glaubenssymbol des Kreuzes den Preis nicht mehr hatten annehmen wollen. Diese Entscheidung unter Kochs Vorsitz sei „nicht klug“ gewesen, räumte Hahn ein; dem interreligiösen Dialog sei Schaden zugefügt worden, so der Minister. Sollte eine Versöhnung der vier Preisträger bis zum Herbst nicht gelingen, müsse die Preisverleihung abgesetzt werden, ergänzte FDP-Fraktionschef Florian Rentsch.

Ministerpräsident Koch, den die Opposition für den „Skandal“ verantwortlich machte, verfolgte die Debatte wortlos. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hatte ihn mehrfach aufgefordert, sich bei Kermani zu entschuldigen. Der SPD-Abgeordnete Gernot Grumbach warf Koch vor, das Lebenswerk des angesehenen Publizisten durch die Entscheidung herabgewürdigt zu haben. Koch müsse als Vorsitzender des Preiskuratoriums die Verantwortung für den angerichteten Schaden übernehmen, sagte Grünen-Chef Tarek Al-Wazir. Die CDU-Fraktion versuchte die Entscheidung zu rechtfertigen. Weil Kermani im Zusammenhang mit dem Glaubenssymbol des Kreuzes den Vorwurf der Gotteslästerung formuliert habe, habe er Verständnis für Lehmann und Steinacker, sagte CDU-Fraktionschef Christean Wagner. Auch mit seinen aktuellen Angriffen auf Ministerpräsident Koch habe Kermani die Sprache des Friedens aufgegeben, sagte Wagner. 

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