Politik : Kulturschock für den Fußball

Von Armin Lehmann

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Der Messias ist in Deutschland gelandet. Sein Name ist Jürgen Klinsmann, und er soll den deutschen Fußball nach dem Rücktritt von Rudi Völler und den Absagen von Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel als neuer Teamchef aus der Krise führen. Schon jetzt, noch bevor Einzelheiten des Vertrages von Klinsmann und seinen angedachten Assistenten geregelt sind, erinnern die Jubelgesänge an den Personenkult um Rudi Völler. Klinsmann aber ist genauso wenig ein Heilsbringer, wie es Völler war. Klinsmann ist ein echter Kulturschock für den deutschen Fußball.

Nicht nur, weil er als Schwabe alles außer Hochdeutsch kann –, sondern vor allem auf Grund seiner Vita ist Klinsmann eine Art „ausländischer Kandidat“ von der Sorte, für die der Deutsche FußballBund (DFB) bisher nicht zugänglich war. Rudi Völler war der Kumpel der Nation, einer von uns, jeder konnte sich vorstellen, wie er an der Theke nebenan ein Bier trinkt. Völler war auch mal in Italien, aber eigentlich war er ein konservativer, vorsichtiger, defensiver Teamchef, der öffentlich nicht gerne sagte, was er wollte. Er war ein typischer Vertreter aus der Mitte des deutschen Fußballs. Klinsmann kann von außen einwirken.

Klinsmann ist ambivalenter als Völler, und das macht ihn interessant. Für viele ist der Sohn eines Bäckers immer nur der Sunny-Boy gewesen, der so schön lacht. Hinter der lächelnden Fassade steckte aber stets ein harter Geschäftsmann, der seine Ziele durchzusetzen und beste Verträge auszuhandeln wusste. Klinsmann hat dieses Durchsetzungsvermögen hart trainiert, deshalb sagt er von sich, dass er „immer Schüler sein will“. Auch das ist eine aufreizende Aussage für einen künftigen Teamchef, der doch den größten und mächtigsten Fußball-Verband der Welt vertreten soll, einen Verband, der sich Belehrungen von außen immer verbeten hat.

Klinsmann adaptiert die Dinge, die er woanders sieht. Aus Italien hat er die Lust am Leben mitgebracht. In Frankreich hat er gelernt, charmant mit Rückschlägen klarzukommen. In England hat er sich angucken können, wie professioneller Fußball organisiert wird, und verinnerlicht, was Teamgeist ist. Und in den USA hat er perfektioniert, seine Überzeugungen smart, aber mit innerer Substanz zu vertreten. Deshalb ist Klinsmann für den deutschen Fußball ein Mentalitätswechsel. Klinsmann fordert offensiv auf, zu lernen und sich zu öffnen für neue Ideen.

Für Klinsmann wird es darum gehen, das bereits seit 2000 in Reform befindliche System noch offensiver umzukrempeln: die neu zu organisierende Nachwuchsförderung oder die von Völler nur zaghaft und meist aus der Not betriebene Integration von jungen Spielern. Alles auf den Kopf stellen muss er nicht, aber konsequent sein und die mächtigen Bundesliga-Klubs auf eine Linie einschwören. Denn ohne die Mitarbeit der Vereine kann nicht einmal der liebe Gott die Nationalmannschaft erfolgreich führen.

Bleibt die Frage, ob nicht auch ein Klinsmann ohne ausreichende Berufserfahrung scheitern muss. Auch das mag sein, obwohl er im Gegensatz zu Völler immerhin die Trainerlizenz besitzt. Erfolgreich sein kann Klinsmann aber auch im Team, mit Hilfe von erfahrenen Trainern. Nur so konnte Franz Beckenbauer 1990 den WM-Titel holen. Es gibt andere Beispiele, wo jungen Leuten mit wenig Berufserfahrung, aber viel Leidenschaft für ihren Job, Verantwortung überlassen wurde – und dieser Mut belohnt wurde. Matthias Sammer ist mit Dortmund Meister geworden, Jürgen Klopp vom Aufsteiger Mainz 05 ist als Spieler direkt vom Rasen ohne Trainerschein auf die Trainerbank gewechselt und hat Mainz mit offensivem Fußball in die Erste Liga geführt.

Klinsmann hat schon als Spieler bewiesen, dass er eine Gruppe anleiten und führen kann. Nebenbei beherrscht der wortgewandte Schwabe die öffentliche Kommunikation, was unter Fußballern noch immer nicht zum Standard gehört. Klinsmann ist keine schlechte Lösung. Jetzt müssen die Kicker der Nation nur noch gewinnen.

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