Kundus-Affäre : Die einsame Entscheidung des Oberst Klein

Wikileaks veröffentlicht geheime Bundeswehr-Dokumente zur Tanklaster-Bombardierung. Oberst Klein verließ sich demnach allein auf die Fernaufklärung. Bemängelt wird auch, dass eine Untersuchung des Tatorts zunächst ausblieb.

Hauke Friederichs[Tina Klopp],Markus Horeld

Berlin - Bereits am 9. September, fünf Tage nach dem Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kundus, hätte der Bundeswehrführung klar sein müssen, dass Offiziere am Ort schwere Fehler begangen haben. Der Feldjägerbericht, der von einem Militärpolizisten nach Ermittlungen in der Region Kundus angefertigt wurde, erwähnt tote Zivilisten und Kinder mit Brandverletzungen. In dem Bericht klingen auch Zweifel an dem Vorgehen von Oberst Georg Klein in der Nacht des Luftschlags an.

Wikileaks veröffentlicht am Montag ein 40-seitiges PDF-Dokument, das den Feldjägerbericht der Bundeswehr enthält. Deutsche Militärpolizisten unter dem Befehl eines Oberstleutnant aus dem Feldlager Mazar-e-Sharif untersuchten die Vorfälle am 4. und 5. September am Ort. Der Oberstleutnant verfasste den Bericht, der dem Einsatzführungskommando in Potsdam und der militärischen Führung des deutschen Kontingents in Afghanistan weitergeleitet wurde. Der Bericht ist vom Verfasser als "VS nur für den Dienstgebrauch" eingestuft – einer niedrigen Geheimhaltungsstufe – und mit dem Vermerk "Nur Deutschen zur Kenntnis" versehen.

Der Feldjägerbericht informiert über mangelnde Aufklärung am Tag nach dem Angriff auf die Tanklaster: "Auch nach den Befragungen am 04 und 050909 im PRT KDZ scheint es zeitnah zum Bombenabwurf keine Maßnahmen der PRT-Führung gegeben zu haben, am Ort des Vorfalls zeitnah ein nachhaltiges BDA und / oder durch eigene oder ANSF-Kräfte einzuleiten bzw. durchzuführen." Übersetzt aus dem Bundeswehrdeutsch heißt das: Der Leiter des Wiederaufbauteams Kundus (PRT, Provincial Reconstruction Team) hat direkt nach den Bombenabwürfen kein Interesse an Untersuchungen (BDA; Battle damage assessment) durch afghanische Sicherheitskräfte (ANSF; Afghan National Security Forces) oder durch eigene Soldaten gezeigt. Nach Richtlinien der Bundeswehr und der Isaf hätte dies bereits nach wenigen Stunden erfolgen müssen.

Der Autor des Feldjägerberichts kommt zu dem Schluss: "Damit kann heute nicht mehr nachvollzogen werden, ob und ggf. welche und wie viele Personen sich am Ereignisort aufgehalten haben, bevor Isaf-Kräfte dort eintrafen. Auch wird offen bleiben ob und ggf. welche und durch wen Veränderungen der Spurenlage am Ereignisort vorgenommen wurden."

Die Ermittlungen wurden dem Oberst von außen aufgezwungen. Bundestagsabgeordnete sprechen sogar bereits von Vertuschung.

Der rechtlichen Bewertung eines in Kundus stationierten Bundeswehrjuristen ist zu entnehmen, dass sich der Angriff der vermeintlichen Taliban "nicht unmittelbar gegen Isaf" oder afghanische Sicherheitskräfte, "sondern gegen zivile Fuhrunternehmen gerichtet hat". Verteidigungsminister zu Guttenberg hatte die Bombardierung aber noch vor wenigen Tagen damit gerechtfertigt, dass deutsche Soldaten dadurch geschützt werden sollten.

Der Feldjägerbericht belegt, dass deutsche Soldaten bereits am 4. September von toten Zivilisten erfuhren. Am 5. September wurde dies von afghanischen Ermittlern bestätigt, die in einer Besprechung angaben, dass sehr wahrscheinlich "zivile Opfer zu beklagen seien". Dennoch blieb die politische und militärische Führung in Deutschland lange bei der Version dabei, dass der Luftschlag ein Erfolg gewesen sei. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bezeichnete noch am 6. November den Angriff als "militärisch angemessen". Ihm sei der Bericht damals nicht vorgelegt worden, behauptete der CSU-Mann später, und begründete damit die Entlassungen von Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Wichert. Seit diesem Wochenende gibt es allerdings auch an dieser Darstellung Zweifel.

Von "militärischer Angemessenheit" spricht Guttenberg mittlerweile nicht mehr, doch bescheinigte er Oberst Klein am vergangenen Freitag erneut, nach "besten Wissen und Gewissen" vorgegangen zu sein. Der Feldjägerbericht und eine ihm angeheftete erste rechtliche Bewertung des Vorfalls werfen jedoch ein anderes Licht auf das Handeln des Offiziers.

Der Autor äußert in seinem Bericht Zweifel an dem Vorgehen des Feldlager-Kommandeurs und kritisiert den mangelnden Informationsfluss in der Nacht und später: "Aus den Unterlagen geht nicht hervor, welcher Personenkreis zur nächtlichen Entscheidung des Kdr. PRT KDZ beigetragen hat." (Kdr. steht für Kommandeur, KDZ für Kundus.) Was unter der von Klein versicherten "Gewissheit, dass bei dem Bombenabwurf keine zivilen Verluste zu erwarten sein werden, zu verstehen ist, ist in den Unterlagen nirgends erläutert", heißt es in dem Feldjägerbericht weiter.

Fest steht, dass der Rechtsberater "aus der dortigen Zelle für Informations- und Nachrichtenaufklärung" der Bundeswehr nicht in die Entscheidung eingebunden wird. Er erfährt erst rund neun Stunden nach dem Bombardement von der Sache. Bemerkenswert ist auch, dass Oberst Klein nicht versucht, übergeordnete Stellen anzurufen, um sie in die Entscheidung über den Bombenabwurf einzubinden. Das Hauptquartier für das Regionalkommando Nord wird erst rund zwei Stunden nach der Explosion per Email informiert. Ein Anruf bei Kleins Vorgesetzten bleibt aus.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Rekonstruktion der Nacht zum 4. September

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